Die Liebe trägt Dich

Auszug aus meinem Buch „DER WAHRE REITLEHRER IST DAS PFERD“, erhältlich im Verlag Tredition (hier ist der Link zur Bestellung: https://tredition.de/publish-books/?books/ID106035/Der-wahre-Reitlehrer-ist-das-Pferd)

DIE LIEBE TRÄGT DICH

 Wie kann der Weg ins Innerste deines Herzens aussehen und welcher Schatz zeigt sich dir dann? In deinem Zusammensein mit dem Pferd ist es so – zeige dich verletzlich statt nach außen cool zu wirken. Wenn du bereit bist, in Verbindung mit deinen Zweifeln zu sein, dann verändert sich eure Beziehung.
Beate wollte mit ihrem Pferd Bodenarbeit machen und von mir erbat sie sich, die zuletzt gelernten Lektionen zu überprüfen.
Der Wallach trug ein Stall-Halfter und während wir die Ziele besprachen, durfte er sich frei im Viereck bewegen. Das mitgebrachte Knotenhalfter hing ich an die Türklinke der Gerätschaftshütte.
„Letzte Woche war ich faul“ entschuldigte Beate ihre Abwesenheit vom Hof, „aber davor lief es ganz gut mit uns beiden.“
„Ging es dir nicht gut?“ fragte ich nach, denn sie hatte mir schon mal von ihren gesundheitlichen Problemen erzählt.
„Na ja, ich konnte öfter mal für einige Momente nichts sehen und mein Blutdruck ist auch wieder viel zu hoch – vielleicht ist das eine Nebenwirkung von meinen Herztabletten, ich muss wieder mal zum Arzt gehen.“
Sie klang resigniert. Ich betrachtete sie und hatte den Eindruck, dass sich irgendetwas in ihr sperrte. Vorsichtig sagte ich:
„Vielleicht solltest du diese Symptome nicht nur schulmedizinisch, sondern auch von einer anderen Ebene aus betrachten. Worauf reagiert dein Herz? Was möchtest du nicht sehen?“
Ich wartete ab, was Beate mit diesem Impuls machen würde.
„Mhm ….“, sie zögerte, „ich habe um hilfreiche Unterstützung dafür gebeten, dass ich endlich die Tür in meinem Herzen öffnen kann. Ich weiß, dass mein Pferd mich immer wieder dorthin führt, dass er mich dazu bringt, diese Tür zu sehen, aber ich glaube nicht, dass er oder sonst jemand in meinem Umkreis in der Lage ist, mich durch diese Tür zu begleiten. Ich kann dieser Tür nicht ausweichen. Es fühlt sich so an, wie wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe, damit ich nicht davonlaufen kann.“
Während sie all das sagte, schlenderte das Pferd vom äußersten Rand des Vierecks herbei. Es berührte Beate kurz mit seiner Nase und ging weiter zur Tür der Gerätehütte, fand das Knotenhalfter und spielte damit herum.
Ich wandte mich der Hüttentür zu und fragte Beate:
„Wie fühlst du dich, wenn du diese Tür in deinem Herzen betrachtest?“
„Ich möchte dort nicht hinschauen!“
„Wo in deinem Körper zeigt sich denn der Widerstand gegen diese Tür?“
Beate fasste sich an die Kehle.
„Kannst du diesen Widerstand beschreiben? Wie sieht er denn aus?“
„Es ist ein grau-violetter Kelch aus einem weichen Gewebe.“
„Wofür ist dieser Kelch da?“
„Um etwas Besonderes zu bewahren!“
Beate war nun sehr berührt, die Tränen stiegen ihr in die Augen und plötzlich war der Wallach wieder da und stupste sie an.
Ich wartete ein wenig, bevor ich weiterfragte.
„Kannst du in den Kelch hineinschauen, ist da was drin?“
„Ja, ein gelber Stein, unten flach und oben rund, so groß wie ein Fingernagel. Und er drückt mich.“
„Möchtest du diesen Stein behalten?“
„Nein!“
Beate überlegte laut, wie sie diesen Stein loswerden könnte.
„Ich könnte den Stoff des Kelchs kneten, damit sich der Stein vom Stoff löst….das reicht noch nicht … ich könnte den Kelch schütteln (Beate hüpfte) …ja, jetzt ist er locker und ich kann ihn ausspucken!“
„Womit möchtest du deinen Kelch nun füllen?“
„Mit Liebe, die finde ich in meinem Herzen!“
Beate beschrieb den Kelch nun als gut gefüllt, als eine Ressource, die sich immer wieder auffüllt durch die Kraft ihres eigenen Herzens und durch die Verbundenheit mit der universellen Liebe, mit der Natur und allen Lebewesen.

Nun konnte sie die Tür anschauen, sogar darauf zugehen. Das Pferd war inzwischen ständig mit dieser Tür beschäftigt, hatte sie auf- und wieder zugemacht. Es hatte in die Hütte hineingeschaut und sich wieder ein Stück entfernt. Der Wallach hatte das Knotenhalfter mal hierhin, mal dorthin getragen und wieder vor der Tür in den Sand gelegt. Im gleichen Moment, als Beate begann, auf die Hütte zuzugehen, hakte er jedoch sein Stall-Halfter in die Türklinke ein. Mit einer sanften Drehung seines Kopfes zog er diesen aus dem Halfter und war frei! Triumphierend wartete er vor der Tür und schaute sich nach Beate um.
Beate war baff. So einfach sollte es sein, Hindernisse zu überwinden? Ich musste lachen!
Die Tür hatte nun ihren Schrecken verloren. Beate öffnete die Tür und schaute in den Innenraum. Schließlich ging sie in die Hütte hinein und kam lachend wieder heraus:
„Ich hab da drin sogar was Brauchbares gefunden!“
Sie hielt mir zwei Steckverbindungen für Schwimmnudeln hin.
„Die Schwimmnudeln nehme ich mit, wenn ich weite Strecken im See schwimmen möchte. Eigentlich dienen sie mir nur zu meiner Sicherheit, falls mein Herz stolpert. Ich kann mich nämlich einfach ins Wasser legen, ohne unterzugehen, es trägt mich!!!“, erzählte sie mir.
„Du hast keinen Zweifel, dass du untergehen könntest?“, fragte ich.
„Nein, nie!“, erwiderte sie fest.

Beate erkannte, dass sie nun die Tür zu ihrer innersten, geheimen Herzenskammer geöffnet hatte. Sie hatte dort einen Schatz gefunden. Die Gewissheit, von der Liebe aller Lebewesen und der universellen Liebe ständig genährt zu sein. Die Gewissheit, davon so beständig durchs Leben getragen zu werden, wie das Wasser ihren Körper trägt.
Ihr Pferd  stand nun dicht neben ihr und gähnte … und gähnte …
Beate bedankte sich ausgiebig bei ihm und wir beendeten unsere Zusammenkunft.

 

 

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