Vertrauen

Auszug aus meinem Buch „DER WAHRE REITLEHRER IST DAS PFERD„, zu bestellen beim Verlag Tredition: hier ist der Link:
https://tredition.de/publish-books/?books/ID106035/Der-wahre-Reitlehrer-ist-das-Pferd

VERTRAUEN

Manfred ist ein junger Mann mit einer leichten Gehbehinderung von Geburt an. Manche Haltungen und Bewegungen am und im Umgang mit dem Pferd fallen ihm schwer. Schon von Kindheit an war er fasziniert von Pferden. Doch sein Zweifel, ob Reiten für ihn überhaupt möglich ist, war groß.
Vor einigen Jahren nahm seine Mutter telefonisch Kontakt mit mir auf. Sie war im Internet auf mich und meine Isländer gestoßen. Sie schilderte mir Manfreds Sehnsucht nach näheren Umgang mit Pferden und was ihn bis jetzt davon abgehalten hatte. Sie würde ihm, so erzählte sie mir, zu Weihnachten gerne einen Gutschein für mehrere Reitstunden schenken. Ob ich mir denn vorstellen könnte, dass das bei seinen körperlichen Beschwerden überhaupt Sinn machen würde?
„Probieren geht über studieren“, antwortete ich sinngemäß. Und so begann Manfred bei mir zu reiten. Natürlich musste sich sein Körper den neuen Herausforderungen anpassen. Er machte seine körperlichen Mängel aber mit sehr viel Einfühlungsvermögen und einer großen mentalen Stärke wett.

Das innere Fühlen drückt sich auch über den Körper aus und Pferde nehmen dies auf einzigartige Art und Weise war und reagieren sehr fein darauf. Mein Pferd Gambri hatte in den letzten Monaten bei seinem Reiter einige Gefühlsprozesse sichtbar gemacht und Manfred hatte sich auch darauf eingelassen. Doch wenn ich ihn in letzter Zeit beim Reiten betrachtete, bemerkte ich eine gewisse Zurückhaltung, sich neuen Herausforderungen zu stellen.
Und so fragte ich ihn wieder einmal:
„Wie fühlst du dich auf dem Pferd?“
„Eigentlich gut“, war die Antwort.
Das konnte ich natürlich so nicht stehenlassen.
„Nur eigentlich?“, fragte ich zurück.
Manfred lachte. Wir kannten uns nun schon so gut, dass er wusste, ich gebe mich mit so seichten Antworten nie zufrieden.
Er suchte nach Worten, um seinen Zustand zu beschreiben. Derweil betrachtete ich seinen Sitz auf dem Pferd und fühlte mich ein. Er hatte sein Gewicht mehr nach vorne auf seine Oberschenkel verlagert. Seine Beine und sein Oberkörper wirkten angespannt, weil er sich damit ausbalancieren musste. Er saß nicht auf seinem Hintern.
„Kannst du auf deinem Hinterteil richtig sitzen?“, fragte ich ihn.
„Ich weiß nicht“, war die Antwort.
„Kannst du es ausprobieren?“
Er tat es und seufzte. Gambri nahm ebenfalls einen tiefen Atemzug und kaute.
„Gibt es da einen Zweifel in Dir?“
Manfred schaute mich überrascht an.
„Was hindert dich denn daran, ganz entspannt im Sattel zu sitzen?“, fuhr ich fort.
„Du kennst Gambri nun schon so lange und weißt, dass du ihm vertrauen kannst, dass er dich sicher trägt!“
„Das stimmt“, meinte Manfred verlegen.
„Wo begegnet dir denn dieser Zweifel noch in deinem Leben?“
„Damit bin ich ständig konfrontiert“, gestand er mir.“ Ich zweifle immer und an allem.“
Das klang verzweifelt.
Plötzlich spürte ich es. Die körperlichen und seelischen Schmerzen, die unerfüllten Sehnsüchte, den Kampf, trotz allem ein ‚normales’ Leben zu führen. Der Zweifel, der ständig am Urvertrauen nagte.
„Zweifelst du denn daran, dass das Leben es gut mit dir meint?“ fragte ich vorsichtig. „Fällt es dir deswegen so schwer, zu vertrauen?“
Manfred nickte. Ich blickte ihm in die Augen und sah, dass er sehr berührt und dass es wahr war. Gambri kaute und leckte und schnaubte ab.
Lange war es still zwischen uns. Die Wahrheit sorgte für Frieden.
„Das ist deine Herausforderung. Dem Leben immer wieder eine Chance zu geben, dass es Dir zeigen kann, wie gut es für dich sorgt. Wenn du im Gefühl des Mangels bleibst, wirst du immer Beweise dafür suchen, was du nicht kannst. Aber wenn du deine Stärken pflegst, kannst du sehen, womit dich das Leben reich beschenkt!“

Wir waren beide tief bewegt, denn ich spürte, dass sich nun bei Manfred ein Tor in einen neuen Bewusstseins-Raum geöffnet hatte. Sein Sitz hatte sich verändert. Locker und losgelassen schwang sein Becken mit den Bewegungen des Pferdes mit. Er legte Gambri die Zügel auf den Hals und war nun imstande, sich dem Pferd anzuvertrauen.

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