Bewußt reiten 2

Ent-täuschung

R. ist eine Frau in mittlerem Alter, die immer wieder bei mir Unterricht nimmt. Im vergangenen Jahr hatten wir öfter darüber gesprochen, daß ich möglicherweise wieder ihr Lieblingspferd Dagfari nach einer langen Verletzungspause einsetzen werde.

Seit dem Jahresbeginn kam R. viermal zum Unterricht und ich teilte ihr Gambri zu, da Dagfari noch nicht soweit war. Ich war überrascht, daß es mit jeder Reitstunde schlechter lief, als davor. R. ist eine gute und auch feine Reiterin, doch ich beobachtete, daß Gambri fast jeden ihrer Wünsche beim Reiten (vor allem Richtungsänderungen) massiv in Frage stellte, es funktionierte nur, wenn ich R. vom Boden aus unterstützte. Dabei gab es durchaus immer wieder Momente der Harmonie, in denen sie einen guten Zugang zu ihrem Körper und damit zum Pferd fand – doch die (vermeintlichen) Misserfolge nagten an ihr.

Ich fasste mich in Geduld. Letzten Freitag war es soweit: Gambri zeigte sich wieder von seiner „störrischen“ Seite und für R. war das Maß voll. Sie explodierte und lud ihren ganzen Frust bei mir ab: „So kann ich nicht reiten. Wenn das Pferd nicht mitmacht, macht das überhaupt keinen Spaß!“, grollte sie. „Da höre ich lieber ganz damit auf! So geht das nicht!!!“ Sie war kurz vor dem Absteigen vom Pferd.

„Ich weiß, daß Du eine gute Reiterin bist und Du bist ja auch lange Zeit sehr gut mit Gambri ausgekommen. Möglicherweise erwartest Du von Gambri jetzt etwas, was er nicht erfüllen kann?“, hakte ich nach.

Da rückte sie mit der Sprache raus: „ Ich hatte mich so auf Dagfari gefreut und als Du gesagt hast, daß der doch nicht mehr im Reitunterricht eingesetzt wird, war ich so enttäuscht, weil ich nun doch wieder mit Gambri Vorlieb nehmen musste!“

Das war’s! Gambri senkte seinen Kopf und leckte und kaute.

Die Enttäuschung, den Frust hatte R. in den vergangenen Reitstunden mit sich herumgetragen und nach außen hatte sie mir die bemühte, zufriedene Reitschülerin gezeigt. Mit dieser Inkongruenz wollte Gambri jedoch nichts zu tun haben und verweigerte die Mitarbeit auf seine Art und Weise.

Als alles gesagt war, lud ich R. ein, doch noch ein paar Runden mit Gambri zu probieren. Sie ließ sich darauf ein und ich schmunzelte, denn ich wusste, was nun passieren würde: Gambri machte alles, wirklich alles widerstandsfrei mit, war aufmerksam und entgegenkommend und ich sah, wie R. immer zufriedener wurde. Am Schluß saß sie strahlend auf dem Pferd. Sie hatte verstanden, daß es für die Harmonie zwischen ihr und dem Pferd wichtig war, ihre wahren Gefühle wahrzunehmen und auch auszudrücken. Gambri hatte sie dabei unterstützt, indem er so lange auf „Klärung“ beharrte, bis R. endlich soweit war.

 

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