Bewußt reiten 1

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M. kam zur Reitstunde, er wirkte irgendwie bedrückt und niedergeschlagen. Ich fragte ihn, was denn sein Wunsch für heute sei, etwas zögerlich kam die Antwort: „Ich möchte einfach nur eine normale Reitstunde haben.“

Offensichtlich war er nicht bereit, über das zu sprechen, was ihn bewegte. Ich bemerkte, daß er sich schon beim Aufsteigen ziemlich steif bewegte und in weiterer Folge zeigte sich, daß er sich auch nicht richtig auf die Bewegungen des Pferdes einlassen konnte.

Der Sattel verschob sich immer wieder nach rechts, weil er unbewußt sein Körpergewicht dorthin verschob. Von Anfang an fiel es ihm schwer, dem Pferd die gewünschten Richtungswechsel zu vermitteln. Auch das Pferd machte sich unter ihm steif, ging nicht recht vorwärts und wehrte sich gegen den Zügel. Alles wirkte ziemlich verkrampft.

Beim Antraben auf der rechten Hand kam M. schnell außer Atem und klagte über einen Krampf im linken unteren Rückenbereich, der auch in die linke Hüfte austrahlte. Ich ging zu ihm hin: „Was bedrückt Dich denn heute?“ „Ich habe das Gefühl, daheim geht nichts weiter, ich trete mit all meinen Vorhaben auf der Stelle, ich bin ziemlich frustriert!“ Ich sah ihm an, daß er heute nicht ins Detail gehen wollte und sagte: „Manchmal hat man das Gefühl, man rennt gegen eine Wand und nichts bewegt sich. Aber Du hast jederzeit die Möglichkeit, von dieser Wand wegzugehen. Mach bitte einen Handwechsel und reite in die andere Richtung, auf die linke Hand.“ Er tat es. Ich fuhr fort: „Manchmal nimmt man einen bestimmten Standpunkt im Leben ein, aber auch da gibt es Möglichkeiten, sich neu auszubalancieren.“ Ich zeigte ihm, wie er sein Gewicht im Sattel leicht verlagern und so mal im rechten oder linken Steigbügel mehr Druck verspüren konnte. Wir wechselten im Schritt durch diese Gewichtsverlagerung mehrmals die Hand, ohne die Zügel dazu zu benutzen.

Dann empfahl ich ihm, beim Antraben auf der rechten Hand das Gewicht am inneren Steigbügel auf 55% des Gesamtgewichts zu halten und seine Aufmerksamkeit stetig dort zu halten. Das war nun leicht für ihn.

Wir wechselten wieder auf die linke Hand und diesmal sollte er seinen Schwerpunkt so verlagern, daß die Belastung im linken Steigbügel zwischen 55 und 60% lag. Langsam löste sich seine Starre und das Pferd trabte zufrieden vorwärts.

Ich fasste zusammen: „Manchmal ist es hilfreich, seinen Schwerpunkt zu verlagern, eine Nuance vom bisherigen Standpunkt abzuweichen, auch mal in eine völlig andere Richtung zu blicken oder sich zu bewegen. Möglicherweise kommt man dann drauf, daß die Wand, gegen die man gerannt ist, aus der Entfernung bei weitem nicht die Dimensionen hat, wie man dachte.“

M.s Gesichtsausdruck hatte sich nun verändert, er wirkte zufriedener und entspannt und sein Pferd schnaubte ab.

 

 

 

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