Zuversicht


Dagfari v. St. Oswald: Dagfari bedeutet „der am Tage reist“

„Betrachte das Leben mit dem Auge der Zuversicht“

Jeder von uns kennt das, daß einem Ereignisse aus der Bahn werfen und direkt in die Nacht der Seele katapultieren. Wie schwer ist es, nicht die Zuversicht zu verlieren, das Dunkel auszuhalten und auf einen neuen Morgen zu hoffen. Und im Licht des Tages seine Reise weiter fortzusetzen.

Mein Reitschulbetrieb lief ganz gut und ich hatte etliche meiner Jungpferde auf gute Plätze weiterverkauft. Doch die meiste Last in den Anfänger-Reitstunden trug Gambri. Er war zwar geduldig und allseits beliebt, aber er war auch nicht mehr der Jüngste. Ich richtete einen Wunsch ans Universum und erbat mir ein Pferd, daß im wesentlichen für Gambri eine Entlastung sein könnte.

Nicht lange danach rief mich meine Freundin Kerstin an und erzählte mir, daß sie und unsere gemeinsame Freundin Susanne von ihrer Bekannten Marianne ein Pferd angeboten bekommen hätten.

Marianne war im Besitz mehrerer Islandpferde, die bei ihr mehr oder weniger das Gnadenbrot genossen, aber den 17jährigen Dagfari befand sie dafür eigentlich noch zu jung. Sie selbst hatte bereits zwei künstliche Hüftgelenke und fürchtete nach einigen unfreiwilligen Abstiegen von Dagfari um ihre Gesundheit.

Kerstin wollte jedoch ihre eigene Herde nicht weiter vergrößern und Susanne war mit ihrem Pferd auch zufrieden und so reichten sie die Information an mich weiter. Ich befragte sie, ob sie dieses Pferd denn genauer beschreiben könnten. Das taten sie sehr gründlich, denn sie kannten Dagfari schon jahrelang persönlich. „Mei“, sagte Kerstin, „die Marianne hat ein kürzeres Bein und sitzt einfach schief am Pferd, vielleicht tut dem Kerl einfach der Rücken weh und er buckelt deshalb.“ Und Susannes Schlusssatz war: „Das ist trotzdem ein Pferd, das Du ung’schauter kaufen kannst!“

Ich kannte die beiden gut genug, sodaß ich ihrer Einschätzung vertraute und dieses Pferd tatsächlich unbesehen kaufte. Ich habe es noch keinen Tag bereut!

Tatsächlich war er am Rücken einseitig bemuskelt, aber mit dem richtigen Training an der Longe bzw. der passenden Bodenarbeit legte sich das bald. Seit er bei mir ist, hat er nie mehr gebuckelt und ist die erhoffte Unterstützung im Reitunterricht.

In seinem neunzehnten Lebensjahr überwältigte ihn die Liebe. Ich hatte zwei neue Stuten in die Herde integriert und Sara machte derart Eindruck auf ihn, daß er nicht mehr von ihrer Seite wich! Sie roch so gut (Sara war sofort rossig geworden, ein Schutzmechanismus, den Stuten sehr oft anwenden) und er wollte sie ganz für sich alleine. Leider war ihm da Gambri im Weg, der ebenfalls hochinteressiert war. So kam eins zum anderen und ich konnte es nicht verhindern, daß mir Dagfari auf dem Weg von der Koppel auf drei Beinen entgegenhumpelte, er vermied es, auf dem rechten Vorderfuß aufzutreten.

Das Röntgenbild zeigte, daß das Griffelbein knapp unter dem Karpalgelenk gleich mehrfach gebrochen war. Ich war ebenfalls geknickt. Nun ruhte die meiste Last wieder auf Gambri’s Schultern, Sara und Prinsessa (die beiden „Neuen“) waren nur bedingt auch für Reitanfänger geeignet.

Nun war guter Rat teuer. Stefanie, die Tierärztin, erläuterte mir die zwei Behandlungsmöglichkeiten:

  1. sofort in die Klinik fahren und operieren, das Griffelbein wird dabei an das Röhrbein geschraubt. Risiko: durch die Kallusbildung um die Schraube während des Heilungsprozesses können danach Reibungsprobleme an einer wichtigen Sehne (dem Fesselträger) entstehen. Vorteil: relativ kurze Boxenruhe, Nachteil: so eine Operation kostet viel Geld.
  2. das verletzte Bein ruhig stellen, es also von oberhalb des Karpalgelenkes bis zum Huf für mindestens drei Wochen einzugipsen, auch danach noch einige Wochen Boxenruhe einhalten. Vorteil: ein Bruchteil der OP-Kosten, Nachteil: wochenlange Boxenruhe und ebenfalls das Problem mit der Kallusbildung. Vor allem aber beschäftigte uns die Frage: wie wird das Pferd mit dem Gipsfuß umgehen?

Wir überlegten gemeinsam: „Weißt’, wenn das ein schweres Warmblut wär’, würd ich das nicht machen. Aber das ist ein leichter Isländer, der kommt sicher mit dem Gipsbein zurecht – außerdem kommt er mir vernünftig genug vor, daß er nicht panisch wird mit dem steifen Bein“, überlegte Stefanie. Ich dachte ebenfalls nach: wenn Dagfari panisch würde, dann nur deshalb, weil er von seiner Herde getrennt und alleine sein würde. Und das wäre er auf der Fahrt zur und in der Klinik auf jeden Fall.

Mit dem Gipsbein wäre er zwar wochenlang in der Box, jedoch nie von seinen Kumpels getrennt und das erschien mir fast wichtiger für einen positiven Heilungsverlauf.

Gesagt – getan, Dagfari’s Bein wurde gut abgepolstert, um Druckstellen zu vermeiden und anschließend eingegipst. Er konnte sein rechtes Bein nur mehr aus der Schulter heraus bewegen und nach ein paar Schritten hatte er den Schwung heraus.

Die Boxenruhe nahm er erstaunlich gelassen hin, wenn die Herde auf die Weide getrieben wurde, stellte ich ihm seinen Freund Falki in die Box dazu, damit er nicht alleine bleiben musste. Ich mähte ihm Gras und jeden Abend durfte er für eine Stunde auf einen winzigen Graspaddock, zum Fressen und Sonne tanken.

Er machte es mir wirklich leicht, zuversichtlich zu sein und war nie ungeduldig. Vielmehr genoß er es, im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit zu stehen, von den Reitkindern gebürstet zu werden und mit Falki ungestört fellkraulen zu können. Vor allem aber belastete er das Bein, ohne dabei zu lahmen und das war ein gutes Zeichen.

Nach drei Wochen nahm Stefanie ihm den Gips ab und er bekam vom Hufschmied einen Spezialbeschlag, um den Fesselträger zu entlasten. Allerdings wurde er noch zu vier weiteren Wochen Boxenruhe verpflichtet, wobei der einstündige tägliche Aufenthalt auf dem Graspaddock weiterhin erlaubt blieb. Endlich konnte er sich wieder wälzen und tat das jeden Tag ausgiebig und genußvoll. Das Kontrollröntgen zeigte einen vorbildlichen Heilungsverlauf.

Der Name Dagfari bedeutet „der am Tage reist“ und genau dafür hatte sich mein Pferd entschieden. Die Nacht der Seele mit ihren dunklen, depressiven Phasen lag ihm fern. Jeden Tag war er freundlich, genoß die Annehmlichkeiten und selbst an Regentagen, an denen er mit dem Gips nicht hinaus durfte, verlor er nicht sein zuversichtliches, geduldiges Wesen.

Seine Botschaft an mich war: „Alles wird gut!“

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