Erkenntnis

Alrún von Móna-Arnanesi: die Bewußtmacherin

 Alrún war eine mittlerweile 11jährige Islandstute und das letzte Kind meiner ersten Stute Una [üna]. Ihr Name bedeutet „Königstochter“ und sie sorgte dafür, daß mein Schicksal, das mit ihrer Mutter begonnen hatte, lebendig blieb. Sie war diejenige, die den Finger, oder besser gesagt, den Huf in meine Wunden legte, nichts beschönigte und mich unnachgiebig zum Weiterlernen, zum Bewußt-werden drängte.

Una hat mir 7 Fohlen geboren, aber erst die letzten beiden waren die von mir langersehnten Stutfohlen. Das ältere Stutfohlen war optisch ganz nach meinem Geschmack, ein Braunschecke. Mit ihr wollte ich später einmal weiterzüchten. Die Rappstute Alrún wurde von mir zum Verkauf bestimmt, aber es kam ganz anders. Ihre ältere Schwester entwickelte im Alter von 5 Jahren großen Futterneid und Bissigkeit gegenüber ihrer alt werdenden Mutter, sodaß ich schließlich hoch verärgert beschloß, sie zu verkaufen und Alrún zu behalten.

Mein damaliger Mann litt schon einige Jahre an seiner Krebserkrankung und zu der Zeit, als Alrún mit der Herde der Jungstuten etwas abseits vom Hof auf Sommerweide war, spitzte sich meine private Situation dramatisch zu. Mir wuchs die Arbeit über den Kopf, die Sorge um meinen todkranken Mann quälte mich und ich fühlte mich wie in einem Käfig eingesperrt!

In diesen Tagen befreite sich Alrún aus der gut eingezäunten und mit reichlich Strom abgesicherten Weide und lief zu uns auf den Hof. Das brauchte ich nun gar nicht und ich brachte sie wieder zurück. Keine halbe Stunde später war sie wieder da! Ich war frustriert, alles Suchen half nichts, ich fand kein Loch im Zaun. Als sie das dritte Mal im Hof stand, war mir bereits alles zuviel! Weinend beschimpfte ich sie, während sie mich ungerührt betrachtete.

Langsam schlich sich eine Erkenntnis in meine Gedanken: ich verglich den Weidezaun mit meinem gefühlten Käfig und sah, daß es anscheinend immer Möglichkeiten gibt, um Freiheit zu erlangen.

Meine Tränen versiegten, ich brachte Alrún zurück auf die Weide und von da an blieb sie auch dort.

Jahre später begann ich mit ihrer Ausbildung, wollte, daß sie sich nun auch einfügt in die Reihe meiner Schulpferde, um sich ihr Futter selbst zu verdienen. Wieder einmal hatte ich die Rechnung ohne sie gemacht. Sie zeigte keinen guten Willen zur Mitarbeit, versuchte ständig, mich herumzuschubsen, zeigte sich an Natural Horsemanship und den Gymnastizierungsübungen völlig uninteressiert – kurz gesagt: sie hatte sich ein respektloses Verhalten zugelegt, daß mich ständig zur Weißglut trieb! Gut, ich hatte wenig Zeit und fühlte wirtschaftlich einen gewissen Erfolgsdruck, aber … ich hielt inne und dachte nach: mir war etwas Entscheidendes abhanden gekommen: ich hatte keine Freude mehr an der Arbeit, die ich machte. Reitunterricht nach dem Motto „höher, schneller, weiter“ stieß mir schon längst sauer auf und ich war frustriert, weil ich keinen Ausweg aus dem Dilemma sah. Nachdenklich betrachtete ich mein aufsässiges Pferd und kam zu dem Schluß, daß sie recht hatte: „ohne Freude wird das nix mit uns zwei!“

Und ich begann, meinen Unterricht umzukrempeln und mich nach anderen Ausbildungskonzepten umzusehen.

Danach zeigte sie mir, daß alles, was ich mühsam versucht hatte, ihr beizubringen und von dem ich dachte, daß nichts davon hängengeblieben war, jederzeit abrufbar war.

Einige Zeit lief es nun ganz gut mit uns beiden. Sie fügte sich in den Schulbetrieb ein, machte gerne bei Reiterspielen mit den Kindern mit und das Ausreiten mit ihr machte Spaß. Aber Alrún war noch lange nicht fertig mit mir: beide kämpften wir nun mit ihrem massiv auftretenden Sommerekzem, es juckte sie am ganzen Körper und an ein Arbeiten in den Sommermonaten war nicht mehr zu denken. Gleichzeitig nahm meine Heustauballergie in einem Maße zu, daß ich in meiner Arbeitsfähigkeit deutlich eingeschränkt war. Eine Ekzemerdecke verschaffte Alrún Erleichterung. Und mir? Es dauerte wiederum ein paar Monate, bis ich auch hier den Zusammenhang erkannte: Haut und Lunge gehören energetisch zusammen, die Haut ist das größte Atmungsorgan des Körpers.

Ich hatte mir und auch ihr wieder einmal zuviel zugemutet und beide hatten wir uns ein Ventil gesucht, um den Druck zu vermindern. Ich suchte mir eine gute Homöopathin, um meiner Lunge und damit auch mir etwas Gutes zu tun und ein langer Weg in Richtung Genesung begann. Ich hatte begriffen, daß mein Körper mir meinen Husten als Alarmsignal gesandt hatte – und Alrún hatte dieses Signal noch verstärkt.

Die folgenden Sommer waren trotz Sommerekzem für Alrún nicht mehr schlimm, ich konnte trotzdem mit ihr arbeiten, hielt sie aber aus dem Schulbetrieb raus. Immer öfter erlebten wir miteinander harmonische Momente.

Eines Tages im Herbst war es wieder soweit, sie hatte eine neue Lektion für mich vorbereitet:

Plötzlich fand sie im Viereck die Gangarten Trab, Tölt und Galopp nicht mehr, selbst das Anreiten im Schritt gestaltete sich schwierig. Sie setzte den Bewegungsimpuls in alle möglichen Richtungen um, tanzte hierhin und dorthin, nur nicht vorwärts – und wenn doch, dann äußerst widerwillig. Der Frust hatte mich wieder … obwohl ich ohne Leistungsdruck zu reiten versuchte und der Freude in meinem Leben mehr Raum gab, machte ich offensichtlich Rück- statt Fortschritte.

Ich wusste, meine Tage auf dem gepachteten Hof neigten sich dem Ende zu, es regnete beim Stalldach rein, ohne daß mein Verpächter sich darum kümmern wollte. Ihn zu den notwendigen Reparaturarbeiten zu motivieren, kostete mich sehr viel Kraft und Energie, die mir anderweitig wieder abging. Ich war ständig auf der Suche nach einer neuen Bleibe, aber im Grunde hoffte ich, daß sich das Problem von alleine lösen möge. Ich hatte kein Ziel, ich trat auf der Stelle.

In dieser Zeit besuchten mich drei Freundinnen – Silke, Andrea und Anette – die für Anette’s Buchprojekt Anschauungsmaterial sammelten. Ich war gespannt, ob Alrún mit Anette kooperieren würde … Anette schwang sich ohne Sattel auf ihren Rücken und steckte uns alle mit ihrer Begeisterung an, Alrún machte nach anfänglicher Skepsis gerne mit und voll Staunen sah ich, daß alle vier Gangarten noch vorhanden waren! Selbst „der erste Schritt“ beim Anreiten war kein Problem.

Danach saßen wir zusammen und ließen das Erlebte Revue passieren und diskutierten Anette’s Methoden. Plötzlich wandte sich mir Andrea zu und sagte: „Auch für dich ist es schwer, den ersten Schritt zu machen!“ Andrea hatte mitten ins Schwarze getroffen und mir schossen die Tränen in die Augen.

Ich begann, bewusst „erste Schritte“ in unangenehmen, veränderungswürdigen Situationen zu machen und ich merkte, daß auch Alrún diese Veränderung mittrug. Sie wurde liebenswürdiger und es gelang uns wieder öfter harmonisches Miteinander.

Daß Alrún gerade ein schwarzes Pferd ist, hat mich nach der Lektüre von Linda Kohanov’s Buch „Der bewusste Weg mit Pferden“ nicht mehr gewundert. Das schwarze Pferd fordert uns heraus, uns unseren Schatten zu stellen und wenn wir uns dieser Reise zu unserem unbekannten Potential verweigern, kann sich das Zusammensein mit unserem schwarzen Pferd zu unserem größten Alptraum entwickeln. Es beharrt darauf, daß wir unsere weibliche Weisheit, Intuition und Gefühl wahrnehmen und weiterentwickeln. Folgende Erkenntnis verschaffte sich nun bei mir Raum: Alrun mußte kein Reitpferd sein, ihr Handeln als Bewußtmacherin war viel wertvoller für mich!

Ein Jahr später begann unser letzter gemeinsamer Sommer. Dagfari hatte sich das Griffelbein gebrochen und zur Rekonvaleszenz stellte ich ihm Una und Alrún zur Seite. Die drei verstanden sich gut.

Ich hatte zwar endlich das Stallproblem gelöst, mich unter unsäglichen (Bandscheiben)-Schmerzen für eine Kündigung entschieden, wusste aber noch nicht, wo ich in ein paar Monaten meine Pferde unterbringen sollte. Eine vielversprechende Alternative hatte sich auch gerade zerschlagen und ich hatte echt keine Ahnung, wie meine Zukunft aussehen würde. Alrún schon. Sie machte Platz für (m)einen Neubeginn.

Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände erlitt sie eine Magenruptur und musste eingeschläfert werden.

Alrún war 11 Jahre lang meine „Bewußtmacherin“, und als klar  war, dass ich ihre Lebensbotschaft verstanden hatte und dabei war, mein Leben neu auszurichten, da verließ sie mich und diese Welt. Meine Freundin Alex hat sie einmal als „Schlachtross“ bezeichnet, und das war sie auch: immer streitbar für das, was ich im Leben lernen sollte, gnadenlos direkt erkannte sie meine wunden Punkte, mit Ausdauer verhinderte sie deren Verdrängung und ließ erst dann von mir ab und war zufrieden, wenn ich den Sieg über mich selbst errungen hatte. Sie ist keinem notwendigen Kampf ausgewichen – im Leben und auch im Sterben nicht.

Im Kalender fand ich an ihrem Todestag folgenden tröstlichen Text von Paulo Cuelho: „Das Ende einer Etappe ist nur der Anfang einer anderen. Die überwundenen Gefahren sind die notwendige Vorbereitung darauf, die nächste Gefahr besser zu meistern.“

Eine Woche später begegnete sie mir auf einer schamanischen Reise, sie begleitete mein Wächtertier. Ich fühlte mich wunderbar getröstet, wir waren wieder gemeinsam auf dem Weg!

 

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