Erste Liebe …

Meine Großeltern lebten in einem kleinen fränkischen Dorf und als Jugendliche durfte ich jahrelang mehrere Wochen meiner Sommerferien bei ihnen bzw. bei Onkel und Tante verbringen. An den Vormittagen nahm ich pflichtgemäß Aufgaben in ihrem Haushalt wahr, aber an den Nachmittagen war ich verschwunden. Die Attraktion des Dorfes war nämlich für mich, daß ein Cousin meiner Mutter Pferde hatte! Am Anfang besaß er zwei Shetlandponies für seine Kinder Biggi und Udo, im Jahr darauf kam ein Fjordpferd dazu und bald darauf auch zwei Warmblüter für sich selbst. Sepp, so hieß der Cousin meiner Mutter, erlaubte mir den Umgang mit seinen Pferden und mit seiner Tochter Biggi verbindet mich noch heute eine wunderbare Freundschaft.

An vielen Nachmittagen brachten wir den Ponies Kunststücke bei, ritten mit ihnen die Hofauffahrt rauf- und runter oder genossen einfach nur die Zeit mit den Pferden gemeinsam auf der Koppel.

Das Fjordpferd hieß Gustl und Sepp hatte ihn aus einer schlechten Haltung rausgekauft. Gustl war eingefahren und Sepp spannte ihn schon auch mal vor den Mistkarren. Zum Reiten kaufte er ihm einen Westernsattel. Ich war total vernarrt in Gustl, er war meine erste Pferdeliebe!

Seine anfängliche Reserviertheit und sein Misstrauen verschwanden, bei Sepp hatte er es richtig gut. Wenn ich die Fotos von damals betrachte, fällt mir auf, daß Gustl im ersten Jahr noch richtig mager war, doch später eine typische Fjordfigur aufwies. Zu dritt saßen wir – Biggi, ihr Bruder Udo und ich – auf der Koppel auf seinem Rücken, direkt unterm Kirschbaum, und nutzen die erhöhte Ausgangsposition, um uns an den süßen Früchten zu laben. Geduldig ließ er alles mit sich machen, wenns ihm zuviel wurde, ging er einfach ein paar Schritte weiter zum Grasen. Auch seine Frisur änderte sich, vom rassetypischen Bürstenschnitt zur langen, schwarz-beige-melierten Mähne.

Sepp nahm mich oft auf seine Ausritte in die ausgedehnten fränkischen Kiefernwälder mit, Gustl war ein absolutes Verlaßpferd. Meistens waren wir zu dritt: Sepp auf seinem großen Warmblut, ich auf dem kleineren Gustl und Biggi auf ihrem heißgeliebten Shetty Schnippi.

Aber ich konnte auch einfach nur stundenlang auf der Koppel sitzen oder liegen und den Pferden beim Grasen zusehen. Meistens kam Gustl dann und fraß eine Runde um mich herum, bis ihm wieder ein anderer Flecken attraktiv erschien.

Jeder Abschied nach diesen glücklichen Wochen war für mich furchtbar und ich mußte wieder ein ganzes Jahr ohne dieses Pferd auskommen. Doch der allerschönste Moment stand mir dabei wieder bevor: wenn ich in den Sommerferien am ersten Tag nach meiner Ankunft im Dorf zur Weide lief, laut seinen Namen rief und mir ein lautes Wiehern von weit unten am Hang entgegenscholl, er sich die Mühe machte, zu mir heraufzuklettern und mich brummelnd begrüßte – dann war für uns beide wieder die Welt in Ordnung.

Eines Tages erhielt ich einen Brief von meiner Großkusine Biggi, sie schrieb mir, daß sich Gustl sehr schwer am Vorderbein verletzt hatte und er den Weg zu den Pferdeahnen antreten musste. Eine Welt brach für mich zusammen, vor allem auch, weil ich mich nicht von Gustl verabschieden konnte.

Gustl war kein spektakuläres Pferd mit herausragenden, messbaren Leistungen, aber er hat mir ein wunderbares Geschenk gemacht: er hat mir sein Herz geöffnet und mir gezeigt, was für eine Verbindung zwischen Mensch und Pferd möglich ist!!!

 

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