Chiron – der verletzte Heiler

 

Falki von Kronleiten

Dies ist die wahre Geschichte einer Verwandlung, einer Reise ins Innerste einer gequälten Pferdeseele und seine Rückkehr in die Welt als Held!

Mein Name ist Falki, das bedeutet „der Falke“ und so schnell, wie mein Namensvetter seine Beute im Sturzflug packt, kann ich davonlaufen, wenn Angst und Schrecken auf meinem Rücken Platz nehmen, unhaltbar, nur darauf bedacht, dem Schmerz zu entkommen und Freiheit zu gewinnen.

Mein Fell ist rot und bedeckt einen kräftigen Körper, meine Mähne leuchtet ebenso rot, meine Brust ist breit und mein Rücken hat die ideale Form, einen Sattel zu tragen. Vor vielen Jahren war das auch für mich das normalste der Welt. Ich war den Menschen wohlgesonnen und sie meinten es auch gut mit mir. Irgendwann trat die Dunkelheit in mein Leben und ließ mich lange Zeit nicht los.
Unsensible Hände rissen am Zügel in meinem empfindlichen Maul, kaum aufgestiegen trieb mich der Mensch zum schnellen Lauf, meine Proteste blieben unbeachtet.
Eines Tages traf mein linkes Auge ein Schlag, der Schmerz machte ich fast verrückt und als ich daraus wieder auftauchte, war ich auf diesem Auge fast blind. Ein riesiger Fleck versperrte mir fast die ganze Sicht und wenn ich etwas genau sehen wollte, mußte ich meinen Kopf drehen und das rechte Auge benutzen. Das machte mich ängstlich und raubte mir meine Selbstsicherheit. Ich war seelisch und körperlich traumatisiert!

Vor 2 Jahren wurde ich an eine Frau namens Irmi verkauft, im Wesen zwar freundlich, aber verständnislos für meine Nöte. Bei Ihr lebte ich in einer kleinen Herde mit 3 weiteren Islandpferden und wenn das gerittenwerden nicht gewesen wäre, wäre es mir ganz gut ergangen.
Mein Misstrauen gegen Menschen auf meinem Rücken hat sich aber auch hier nicht gelegt, die Frau stieg mit soviel Anspannung auf meinen Rücken, dass ich gar nicht anders konnte, als ganz schnell ganz weit zu laufen, die Angst trieb mich und machte Irmi wiederum Angst, ein Kreislauf, aus dem wir uns beide nicht befreien konnten!

Meine Seele litt, einerseits war ich froh, wenn sie mich wochenlang nicht ritt, andererseits vermisste ich eine Aufgabe, mein Leben hatte wenig Sinn, ich fühlte mich nicht geschätzt – ich war ein unnützer Fresser.

Fina war nicht gerade begeistert von der Behandlung, die Wunde an ihrem Bein heilte nicht richtig und das Getue der Tierärztin passte ihr gar nicht. Sie spürte auch, dass ich die Besuche der Ärztin mit wachsender Skepsis betrachtete. Entschlossen stellte sie den Huf auf den Boden und beendete damit die Behandlung.
„Eva“, sprach ich die Tierärztin an, „hast Du wieder etwas von dem Pferd gehört, von dem Du mir vor 3 Monaten erzählt hast?“ Eine Kundin von Eva hatte diese um Hilfe bei der Lösung ihrer Reitprobleme gebeten und ich hatte Interesse signalisiert.
Eva runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf: „Jetzt weiß ich wieder, wen Du meinst! Nein, seine Besitzerin möchte Falki noch immer verkaufen, aber er wurde nun schon mehrere Monate nicht mehr geritten, weil sie sich anscheinend nicht mehr traut.“
Ich schüttelte den Kopf und meinte: “Ohne vernünftigen Beritt wird der Verkauf von so einem Pferd wohl schwierig werden. Ein Interessent möchte doch das Pferd ausprobieren und nicht die Katze im Sack kaufen!“
Eva nickte: „Aber ein guter Beritt kostet Geld und das will sie wohl nicht mehr investieren.“
Ich erinnerte mich an das, was Eva mir vor ein paar Monaten erzählt hatte. In etwa 30 km Entfernung gab es ein gutes Pferd, ein Isländer im besten Alter, aber unreitbar für die Besitzerin, weil pfeilschnell und kaum zu bremsen. Die Frau wollte ihn wohl loswerden, hatte aber auf ein Berittangebot von mir nicht reagiert. Ich beschloß, noch einen Versuch zu machen und wandte mich wieder Eva zu. „Wenn Du sie wieder triffst, könntest Du ihr bitte noch einmal sagen, dass sie mich gerne anrufen kann, vielleicht finden wir doch noch eine Lösung für ihr Pferd.“
„Ja mach ich“, Eva war schon wieder am Sprung und packte bereits ihre Ausrüstung ins Auto. „Ciao“ und weg war sie.
„Pfiat di“, murmelte ich, wandte mich wieder meiner Stute zu und brachte sie in den Offenstall. Sieben plüschige Ohrpaare drehten sich interessiert in unsere Richtung, samtige Pferdenasen stupsten Fina sanft an und hie und da ertönte ein freundliches Gebrummel.
Es war Anfang November und der größte Trubel in der Reitschule war nun vorbei. Ich überlegte, dass ich nun Zeit hätte, mich mit einem zusätzlichen Pferd zu befassen und der Offenstall bot auch genügend Platz für ein weiteres Pferd. „Wir werden’s ja sehen“ beendete ich meinen Gedankengang und löste das Halfter von Fina’s Kopf.

Einige Tage später nahm ich überrascht einen Anruf entgegen, die Besitzerin von Falki vereinbarte mit mir einen Besichtigungstermin mit Proberitt. Ich packte den Reithelm ins Auto und machte mich neugierig auf den Weg.

„I bin die Irmi“, stellte sich die Frau vor, eine gstandene Bäuerin um die 40, freundlich und geradlinig mit einem warmen Händedruck. „Und das ist der Falki“ präsentierte sie den großen Fuchswallach. Ich betrachtete den kräftigen Körperbau, den ausdrucksvollen Kopf und das gepflegte Äußere des Isländers mit Wohlgefallen, nahm aber gleichzeitig das Misstrauen des Pferdes und seine Zurückgezogenheit wahr, obwohl er entspannt mitten unter seinen Herdenkollegen stand. Das änderte sich jedoch schlagartig, als Irmi das Halfter nahm und auf ihn zuging. Nach mehreren Ausweichmanövern seinerseits gelang es ihr jedoch, ihm das Halfter anzulegen.
Beim gemeinsamen Putzen erzählte Irmi mir über ihre Schwierigkeiten mit diesem Pferd. „Mei, der hat mir auf Anhieb gut gefallen und beim Probereiten ging er gleich im schnellen Tempo Tölt vorwärts. Ich hatte auch kein Problem, ihn die Koppel rauf und wieder runter zu lenken. Aber wie ich dann daheim entspannt ausreiten wollt’, ist er halt auch gleich los’gschossn und war kaum zum Bremsen, da hab ich’s dann schon mit der Angst zu tun gekriegt.“
Mittlerweile waren wir beim Satteln angekommen und ich registrierte sein Hochwerfen des Kopfes, seinen angespannten Rücken und sein nervöses zur Seite treten. „Oje“, dachte ich mir, „das gibt noch viel Arbeit…!“
Ich bat Irmi, das Pferd unter dem Zaumzeug aufgehalftert zu lassen, damit ich die mitgebrachte Longe dort befestigen konnte. Außerdem wollte ich zuerst sehen, wie sich Falki mit Irmi im Sattel benahm und führte ihn in einen provisorischen Roundpen. Irmi war einverstanden, obwohl sie sich sichtlich unwohl fühlte. Kaum berührte ihr Gesäß den Sattel, schoß Falki wie ein Pfeil von einem gespannten Bogen los, Sitz und Handeinwirkung verstörten ihn mehr und mehr, es war ein Bild des Jammers! In Sekundenbruchteilen hatte ich all das wahrgenommen und nach ein paar Metern bereits instinktiv das Pferd gestoppt. Da standen wir nun und ich spürte ihrer beide Angst und das gegenseitige Misstrauen. „Danke Irmi“, erlöste ich sie, „ich hab schon alles gesehen, Du kannst wieder absteigen.“ Ich setzte meinen Helm auf und drückte ihr die Longe in die Hand, ich wollte nicht ohne Absicherung aufs Pferd.

Ich hatte mir keinen Plan zurechtgelegt, ich handelte intuitiv und lehnte meinen Oberkörper beim Aufsteigen weit vor auf seinen Hals. Falki stand still und so blieb ich in dieser Position, ohne mich ganz in den Sattel zu setzen und lobte ihn. „Guter Kerl, fein machst Du das!“ Seine Ohren waren in höchster Aufmerksamkeit zu mir gestellt, der Kopf leicht gestellt, damit er mich sah, abwartend, abwägend, bereit zu handeln, falls ich es vermasselte.
Ich bat Irmi, ihn im Schritt anzuführen und uns zu begleiten, ich blieb im übertrieben leichten Sitz und wartete ab – er ebenso. „Nun“, dachte ich nach ein bis zwei Runden „wenn das so ist, kann ich es mir auch ein bischen bequemer machen.“ Und veränderte meinen Sitz und meine Zügelhaltung im Zeitlupentempo, bis ich entspannt aufrecht und in Anlehnung auf ihm saß. Irmi hatte die Longe auf meine Bitte hin bereits gelöst und beobachtete uns von außerhalb des Roundpens. Ich probierte Volten, Richtungswechsel und ließ ihn Slalom gehen, er machte das ganze Programm mit, ohne sich zu wehren, war aber ständig auf der Hut. Seine Botschaft war unmissverständlich: „Ein falscher Handgriff und ich bin weg“.
Klar war er aufgrund des mangelnden Trainings steif, aber er akzeptierte meinen Schenkel und den Zügel und ließ sich sogar nach ein paar Runden Tölt relativ einfach durchparieren. „Na, Bursche“, lobte ich ihn und kraulte ihn vorsichtig am Hals, „das kann vielleicht doch noch was werden mit uns!“ und saß ab.

In Irmi’s Blick wich die Fassungslosigkeit einer vorsichtigen Hoffnung. Einvernehmlich versorgten wir das Pferd, die Zeit brauchte ich auch, um meine Gedanken zu sortieren. Ich räusperte mich und bemerkte, dass sich Falki nah neben mich gestellt hatte, wie wenn er nichts von dem versäumen wollte, was nun über ihn geredet werden würde. Ich legte ihm meine Hand auf den Widerrist und wandte mich Irmi zu.

Ich spürte es, Veränderung lag in der Luft!
Diese seltsame Unruhe kam über mich, als die fremde Frau an den Koppelzaun trat und mich eingehend betrachtete, ihr Geist tippte kurz an mein Misstrauen und zog sich dann wieder zurück. Kurz war ich abgelenkt, als ich das Halfter auf mich zukommen sah und der befürchteten Quälerei ausweichen wollte, aber dann wollte ich doch der Sache auf den Grund gehen. Trotz der leichten Plauderei der beiden Frauen beim Putzen und Satteln fühlte ich die Aufmerksamkeit der fremden Frau auf mir ruhen.
Mit diesem guten Gefühl war es allerdings schnell vorbei, als sich Irmi auf meinen Rücken schwang. Blitzartig schoß ich los und machte meinem Namen alle Ehre, allerdings kam ich nur ein paar Meter weit, dann hatte mich die fremde Frau auch schon ausgebremst und Irmi stieg gerne von mir ab. Aber ich hatte mich geirrt, die Prüfung war noch nicht vorbei, denn nun setzte die fremde Frau ihren linken Fuß in den Steigbügel. Sie sah mich ernst an und schob sich dann langsam hoch und blieb auf meinem Widerrist und Hals liegen und wartete – ich auch. Dann schwang sie genauso langsam das rechte Bein über mich, stellte es in den Steigbügel und wartete – ich auch. Als sie mich schließlich zum Schritt aufforderte, ging ich vorsichtig los, ich war mir nicht sicher, wie ich ihr Verhalten beurteilen sollte, es war so anders, als ich es in den letzten Jahren gewohnt war…
Natürlich war ich weiterhin höchst misstrauisch, aber ich spürte auch, dass sie mich verstand und mich zur Mitarbeit einlud, daß sie hinter dem Panzer, den ich mir zu meinem Schutz zugelegt hatte, ein Stück meiner wahren Seele wahrgenommen hatte.

Beide Frauen widmeten sich nun meiner Körperpflege und mir kribbelte es unter der Haut, weil mir die fremde Frau ihre Hand leicht auf meinen Widerrist legte. Ich merkte, es ging um meine Zukunft, sie unterhielten sich nun über mich, über Vertragsbedingungen, Probezeit und den Kaufpreis. Davon verstand ich nichts, aber als die fremde Frau abschließend Irmi die Hand hinhielt und diese daraufhin einschlug, wußte ich, es braucht nun auch meine Zustimmung und ich ließ meinen Kopf sinken, leckte mir die Lippen und kaute ab. Und beobachte zufrieden die plötzlich aufsteigenden Tränen in den Augen der fremden Frau, weil ich ihre Seele berührt hatte.

Ein paar Tage später fuhr ich mit dem Pferdehänger im Schlepptau auf Irmi’s Hof. Wir hatten eine Probezeit von 3 Monaten ausgemacht, danach sollte ich mich entscheiden, ob ich Falki behalten oder wieder zurückgeben wollte.
Das Verladen war überhaupt kein Problem, Falki stieg so rasch in den Hänger ein, als wäre er begierig auf seinen neuen Lebensabschnitt.
Beim Heimfahren überdachte ich nochmals meine Vorbereitungen, um ihn optimal in meine kleine Herde zu integrieren. In den ersten paar Tagen wollte ich ihn in der Integrationsbox übernachten lassen und tagsüber unter meiner Beobachtung mit der Herde zusammenlassen. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt …

Nach dem Ausladen rieb ich ihn mit benutzem Stroh aus meinem Stall ab, damit der alte Stallgeruch durch den neuen Geruch überdeckt wird. Meine 8 Isi’s hatten natürlich schon längst die bevorstehende Veränderung bemerkt und drängten sich gespannt am Zaun. Ich nahm eine Gerte mit, um nicht überrannt zu werden, führte Falki in den Auslauf, löste blitzschnell den Führstrick und brachte genug Abstand zwischen mich und die Pferde. Ich war auf eine Jagd im Paddock gefasst, darauf, daß die bestehende Herde den „Neuen“ versohlen würde – kurz und gut, daß die neue Rangordnung vehement und laut ausgestritten werden würde. Aber da hatte ich mich gründlich getäuscht: Falki ließ von Anfang an keinen Zweifel daran, daß er nicht nur ein ranghohes Pferd war, sondern ab sofort der neue Chef meiner Herde sein wollte. Soti, Fina’s Halbbruder, versuchte noch halbherzig eine Widerrede, aber im Grunde war schon alles klar! Ich staunte, mit welcher Souveränität – und ganz ohne Feindseligkeiten – die neue Rangordnung binnen Sekunden festgelegt wurde!
In den folgenden Tagen – und mittlerweile Jahren – konnte ich feststellen, wie sozial Falki diese Aufgabe erfüllte. Er ist ein unaufdringlicher Streitschlichter, kümmert sich beim Fellkraulen auch um die rangniedrigen Pferde und beharrt auf seiner Position, ohne ekelhaft zu sein.
Von einem nächtlichen Aufenthalt in der Integrationsbox wollte er natürlich auch nichts wissen, er stellte sich zur Fütterungszeit ganz selbstverständlich zwischen den anderen Pferden ans Fressgitter und damit war auch dieses Problem gelöst.

So einfach seine Herdenintegration war, so schwierig war es, sein Misstrauen den Menschen gegenüber zu überwinden. Wenn er mich mit dem Halfter kommen sah, nutzte er jede Gelegenheit, um mir auszuweichen und davonzulaufen und ich musste kreative Lösungen finden, um ihn von meiner Ungefährlichkeit zu überzeugen.

Ich fand wieder Gefallen am Leben, denn ich hatte wieder eine Aufgabe: die Herde, in der ich nun lebte, war zwar schon länger zusammen, einige Pferde waren miteinander verwandt und kannten sich schon ihr Leben lang, trotzdem gab es keinen unter ihnen, der die Verantwortung für die ganze Herde übernehmen wollte. Was für ein Glück für mich!
Soti, ein junger, wunderschöner Fuchs (so wie ich), fühlte sich anscheinend etwas „auf die Hufe getreten“ und wollte mir meine Position streitig machen. Nach ein paar ausdrücklichen Zurechtweisungen hat er sich aber ins Unvermeidliche gefügt.

Streß hatte ich nur, wenn die Frau mit dem Halfter kam. Ich wandte alle Tricks an, um dem Gefühl des Ausgeliefertseins auszuweichen, um nicht wieder mit Angst und Schmerz konfrontiert zu werden. Sie sollte mich einfach in Ruhe lassen!
Beharrlich folgte sie mir , redete mit ruhiger Stimme, kraulte mir die Schweifrübe, ließ mir Zeit, mich an sie zu gewöhnen. Dann legte sie mir das Halfter an, belohnte mich, nahm es wieder ab und ging wieder. Was war das denn?
So ging es mehrere Tage und ich fand das Halfter schon nicht mehr so schrecklich und ging nur noch aus Gewohnheit ein paar Schritte auf die Seite, wenn ich sie kommen sah. Dann nahm sie mich auf den Reitplatz mit und unsere Zusammenarbeit begann.

Ich freute mich, daß Falki sich zur Mitarbeit entschlossen hatte, auch wenn er nach wie vor sich sehr skeptisch zeigte. Ich arbeitete vor allem mit vertrauensbildenden Maßnahmen, zeigte ihm die „freundlichen Spiele“ aus dem Natural Horsemanship und lobte ihn überschwenglich, wenn er sich mir anvertraute und immer wieder „über seinen Schatten sprang“.
Eines sonnigen Tages fiel mir auf, daß er auf der rechten Hand seinen Kopf zur Bande drehte und bei den Buchstaben und Punkten immer etwas stutzte. Daraufhin betrachtete ich sein linkes Auge und sah eine daumennagelgroße weiße Trübung, die offenbar seinen Blickwinkel beeinträchtigte. Ich rief Andrea, eine Freundin – ausgebildet in klassischer Tierhomöopathie – , an und fragte sie, ob man denn da etwas machen könnte. Ich wäre schon mit einer geringfügigen Verbesserung, die Falki Erleichterung verschaffen würde, zufrieden gewesen. Das ausgesuchte Mittel wirkte nicht von heute auf morgen, aber es führte zu einer stetigen Verbesserung bis nach drei Monaten gar nichts mehr zu sehen war. Im selben Maße nahm seine Schreckhaftigkeit ab und er gewann an Selbstvertrauen.

Ich fing an, ihn zu longieren und mich auch mal kurz raufzusetzen und am Ende der ausgemachten Probezeit von drei Monaten konnte ich ihn im Viereck im Schritt und im Trab bzw. Tölt reiten, er schaffte es zeitweise, sich nach vorne und abwärts zu dehnen und achtete auf meine Stimmkommandos.
Wenn ich seinen Mut, sich seinen Ängsten zu stellen, würdigte, war es einige Male, daß ich berührt, zu Tränen gerührt war, weil er mir seine Dankbarkeit wie eine Welle übermittelte. Ich wusste, ich war auf dem richtigen Weg mit ihm.

Nun musste ich mit Irmi über sein weiteres Schicksal beraten: „Als Schulpferd ist Falki völlig ungeeignet, noch viel zu schreckhaft und zu schnell. Er braucht noch viel Arbeit und es wird nicht einfach sein, einen passenden Käufer für ihn zu finden.“ Aber für Irmi war die Angelegenheit schon entschieden, „wenn Du ihn nicht nimmst, gebe ich ihn zum Schlachter!“ Mir fiel fast der Telefonhörer aus der Hand, dann bat ich sie um eine Nachdenkpause. Einerseits war ich empört über die Anwendung dieses uralten Verkäufertricks, andererseits erkannte ich aber auch ihre Unfähigkeit, diesem Pferd jemals gerecht zu werden. Ich wollte mir eigentlich kein Pferd kaufen, ich hatte ja selbst genug, aber ich hatte auch etwas dagegen, daß dieses Pferd und all meine Zeit und Energie, die ich in es investiert hatte, beim Schlachter landet. Also kaufte ich ihn zu einem ausgesprochen fairen Preis.

Ich spürte die Veränderung und nach einiger Zeit begriff ich, daß ich hierbleiben durfte, daß diese Herde und diese Frau für mich Heimat geworden waren. Ich musste nicht besonders intensiv arbeiten, weil andere Herdenmitglieder sich im Reitunterricht engagierten und die Frau arbeitsreiche Tage hatte. Ab und zu bekam ich Aufmerksamkeit von einem Mädchen, sie wurde Meli genannt. Sie kam regelmäßig zum Reitunterricht und heimlich beobachtete ich sie. Irgendetwas mit ihren Beinen stimmte nicht, sie ging langsam und tat sich unheimlich schwer beim Aufsteigen, wie wenn sie zuwenig Kraft hätte.
Sie interessierte mich und so hörte ich den Menschengesprächen zu, um mehr über sie zu erfahren.

Meli war damals knapp 14 Jahre alt und war jahrelang Mitglied in einer Voltigiergruppe. Man legte ihr nahe, aufzuhören, weil man sie nicht mehr aufs Pferd heben konnte. Sie sei zu schwer und aufgrund ihrer Muskelschwäche könne sie auch nicht richtig mithelfen. Der Abschied fiel ihr sehr schwer und sie suchte Trost bei uns Isländern. Sie verbrachte viel Zeit in meiner Herde und fand für jeden von uns ein freundliches Wort.
Eines Tages fasste sie sich ein Herz und fragte die Frau, ob sie denn ein Pflegepferd haben könnte. Ich spitzte die Ohren und wartete äußerst gespannt auf die Antwort der Frau. „Ein Pflegepferd? Was stellst du dir denn darunter vor?“ „Na ja“, sagte Meli, „ein Pferd, daß ich putzen darf, mit dem ich vielleicht spazieren gehen könnte und mit dem ich auch Bodenarbeit machen kann, wenn du mir was zeigst!“ „Aber die Schulpferde sind alle schon im Reitunterricht ausgelastet …“ überlegte die Frau. „Vielleicht ein Pferd, das nicht im Reitunterricht geht?“ warf Meli vorsichtig ein. „Mhm“ machte die Frau und sah Meli lange nachdenklich an. Schließlich sagte sie: „Ich weiß zwar nicht, ob es funktionieren wird, aber wir können es zumindest probieren!“ Ich sah Meli’s strahlendes Gesicht und ahnte, daß hier gerade etwas entschieden wurde, was meine Zukunft verändern würde.

„Es tut mir gut, wenn sie kommt. Wenn sie mich ruft, wende ich mich ihr zu. Das Halfter hat seinen Schrecken verloren. Ich genieße es, von ihr gepflegt zu werden. Wir erkunden gemeinsam Wald und Feld und ich passe mich ihrem Schrittempo an, warte geduldig, wenn sie bergauf eine Verschnaufpause braucht. Sie hat eine Freundin – Lara – und oft gehen wir zu dritt und ich lausche ihren Gesprächen. Im Viereck zeigt ihr die Frau die Übungen, die ich schon kann und regt sie an, sich neue Übungen für mich auszudenken. Unser Vertrauen ineinander wächst.“

So verging ein ganzes Jahr. Meine Augenverletzung war nun verheilt und meine Seele konnte sich wieder mit einem Menschen anfreunden.

Meli’s Mutter hatte ein Pferd, eine Haflingerstute, die nun in die Jahre gekommen war und an Athrose und Hufrehe litt. Jeder Schritt bereitete ihr Schmerzen und der Tierarzt konnte ihr nicht mehr helfen, sie wurde schweren Herzens eingeschläfert. Ich begleitete Meli in ihrer Trauer und tröstete sie mit meiner Zuneigung. Und ich spürte, wie ein besonderer Wunsch in ihr erwachte.

Meli und ich waren in ein ernsthaftes Gespräch vertieft. Ihre Eltern waren bereit, ihr eine Reitbeteiligung zu finanzieren und die Frage nach dem passenden Pferd beschäftigte sie schon länger. Meli hatte schon Skjoni ausprobiert, aber da stimmte die Chemie zwischen den beiden einfach nicht und Randver war einfach zu schnell. „Gambri ist total zuverlässig, aber der arbeitet halt schon oft im Reitunterricht“, sagte ich und Meli nickte wissend. „ Dagfari wäre auch eine gute Wahl“, spann ich den Gesprächsfaden weiter. „Aber“, ich wiegte den Kopf, „der arbeitet halt auch schon ziemlich viel“, und dachte weiter nach. Fast hätte ich es überhört, was Meli leise vorschlug: „Wie wär’s mit Falki?“
Ich starrte sie überrascht an und dachte an Falkis Vorgeschichte, an Meli’s körperliches Handicap und an all das, was bei diesem Vorhaben möglicherweise schiefgehen konnte! Aber gleichzeitig spürte ich die große Sehnsucht dieses Mädchens, ihre Hoffnung, daß ein Herzenswunsch in Erfüllung gehen möge und den Mut, den sie brauchte, um diese alles entscheidende Frage zu stellen. Ich atmete tief durch und sagte: „Meli, ich weiß nicht, wie Falki damit umgehen wird, wenn du auf ihm reiten willst, aber wir können es zumindest ausprobieren.“

Nach längerer Zeit bekam ich wieder einmal einen Sattel aufgelegt und ich erinnerte mich an meine Ängste und den Schmerz. Es machte mich nervös und ich merkte, daß Meli heute auch sehr aufgeregt war. Irgendetwas lag in der Luft, denn ihre Mutter war auch da.

Die Frau begleitete uns auf den Reitplatz und hängte die Longe in mein Halfter ein, zog den Bauchgurt nach und stellte sich dann vor mich. Die Aufstiegshilfe kannte ich schon und so wartete ich gespannt, auf das folgende. Ich war überrascht, denn nicht die Frau, sondern Meli hangelte sich in Zeitlupe auf meinen Rücken! Ich stand mucksmäuschenstill, bis sie endlich ihre Füße in den Steigbügeln hatte, die Zügeln aufnahm und mir das Kommando zum Antreten gab, die Frau hielt die Longe in der Hand und ging neben mir. Ich konnte nicht anders, ich trieb allen Anwesenden die Tränen in die Augen!

Ich bewegte mich, wie wenn ich einen Korb mit rohen Eiern balancieren müsste, meine Ohren waren in höchster Aufmerksamkeit nach hinten auf Meli gerichtet, vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen und achtete auf mein Temp, schnaubte ab und nahm wahr, was für ein Segen dieses Mädchen für mich war! Sie war glücklich mit mir und ich mit ihr!!!

Nach zwei Runden im Viereck klickte die Frau wortlos die Longe aus meinem Halfter aus und ließ mich mit Meli allein. Ich berührte ihre Seele, schickte ihr meine Dankbarkeit und sah sie weinen. Wir erkannten beide, daß ich meine Bestimmung gefunden hatte. Meine ärgsten Verletzungen, aber auch meine Heilung hatte ich durch Menschen erfahren. Und ich kann selbst für einen Menschen – für Meli – heilsam sein.

Über ein Jahr ist seitdem vergangen und Meli und Falki sind unzertrennlich. Beide haben weiter am gegenseitigen Vertrauen gearbeitet und sich auch reiterlich weiterentwickelt, schließlich kam die Frage, auf die ich schon seit einiger Zeit gewartet hatte. „Meinst du, ich könnte mit Falki auch einmal ausreiten?“ „Das kommt darauf an“ sagte ich, „wie groß dein Vertrauen zu ihm ist. Du weißt, er kann es nicht leiden, hinter einem anderen Pferd zu gehen, deswegen könnte ich dir nur folgen und du hättest kein Pferd zum Bremsen vor dir. Du müsstest für euch beide die Verantwortung übernehmen.“

Nach zwei Wochen hatte Meli genug Mut gefasst und wir gingen das erste Mal ohne Führstrick ins Gelände. Ich folgte ihnen auf einem ruhigen Pferd über unbelebte Feldwege, in den Flußauen der Alz und durch schattigen Wald bergauf und staunte über die Ruhe und Gelassenheit von Pferd und Reiterin vor mir. Entspannt schwang der Schweif im langsamen Rhythmus der Schritte, Falki’s Hals war auf „halbmast“ und seine Augen nahmen die langentbehrten Natureindrücke auf, während die Ohren ständig zwischen seiner Neugierde und der Aufmerksamkeit für seine Reiterin hin und her spielten.
Meli vertraute ihm und er vertraute ihr –jeder hatte dem anderen von sich das Kostbarste zum Geschenk gemacht!

Und wenn sie nicht gestorben sind … Halt! Das ist ja kein Märchen, sondern tatsächlich passiert. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß man auch sagen, daß nicht immer alles eitel Wonne und Sonnenschein ist. Bei windigem Wetter sind beide zu angespannt, um erfolgreich eine Reitstunde zu absolvieren. Auch gab es einen unfreiwilligen Abstieg, nachdem sich Falki vor einem Traktor erschreckt hatte und Meli hatte mit schmerzhaften Prellungen zu kämpfen. Aber ihre gemeinsame Basis ist so gut, daß ihnen immer wieder Höhenflüge gelingen und jeder dem anderen ein Quell der Freude und Inspiration ist!

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