Freiheit

Messa van de Veluwezoom

Der Nationalpark Veluwezoom ist eine 48 Quadratkilometer große reine Naturidylle mit endlosen Waldstücken und Heidefeldern. Hier leben Wildschweine und Rotwild ebenso frei wie imposante schottische Hochlandrinder und genügsame Islandpferde.

Die Isländer stellen sicher, dass das Moor geöffnet bleibt, sie kümmern sich auch um die notwendige Variation in den Wäldern des Naturschutzgebietes.

 Sie stand am Zaun und ihr Blick schweifte in die Ferne, die Ohren spielten, suchten wie ein Radar nach vertrauten Lauten, herbeigeweht aus weiter Ferne. Ab und zu testete sie mit ihren empfindlichen Barthaaren den Elektrozaun auf seine Funktionstüchtigkeit. Aber immer war da das Ticken der elektrischen Impulse und verärgert verschaffte sie sich mehr Raum, indem sie die anderen Herdenmitglieder verscheuchte. Ihre Gedanken schweiften in ihre früheste Jugend ab:

Es war Spätsommer, der Übergang zum Herbst stand bevor und die Heide stand in voller Blüte, der Wind rauschte in den Birkenwäldern und brachte den salzigen Geruch des Meeres mit, auf seinem Rücken segelten die Möwen und am Boden lief ein weißes Fohlen mit ihnen und dem Wind um die Wette. Die Nase hielt es hoch und mit einer eleganten Leichtigkeit fegte es über die sandigen Wege, lebte und liebte die Freiheit und das Leben.

Es war eine Stute, nach dem ersten Fellwechsel hatte sie sich isabellfarben mit einer kleinen Keilblesse gezeigt, nun schob bereits das Winterfell nach und sie erschien fast weiß. Sie fand Geborgenheit an den Flanken der Mutter und im Schutz der Herde, aber allen gemeinsam war das Leben in Freiheit in einem riesigen Nationalpark. Nur aus der Ferne nahmen sie die Menschen wahr, wandernd, auf Fahrrädern, die Pferde jedoch arrangierten sich mit den anderen freilebenden Tieren, den Hochlandrindern, den Hirschen und anderen Wildtieren.

 Messa erwachte aus ihrem Tagtraum, hob den Kopf und streckte wieder die Nase in den Wind, auf der Suche nach dem unverwechselbaren Geruch der Freiheit. Aber da war nichts. Statt dessen musste sie sich mit Menschen und ihren Wünschen arrangieren.

 Seit eineinhalb Jahren lebte sie nun hier auf diesem Hof, war Teil einer 10köpfigen Islandpferdeherde und seitdem hatte sich vieles in ihrem Leben verändert.

 Vage erinnerte sie sich noch an ihre schon Jahre zurückliegende Reitausbildung, damals wurde sie freundlich behandelt und war selbst freundlich zu den Menschen. Sie dachte, daß sie danach wieder in den Genuß der Freiheit kommen, zwar ab und zu für einen netten Menschen arbeiten, aber auch weiterhin mit dem Wind um die Wette laufen würde. Aber ihre Seele hatte sich etwas anderes für ihr Leben vorgenommen.

 Sie wurde verkauft, in ein Land ohne einen einzigen Meeresstrand, ohne den Geruch von Salz in der Luft, ohne Dünen und Heide. Nur in den Wäldern fand sie vereinzelt Birken und Kiefern, die ihr aus der Heimat bekannt waren. Der Abschied schmerzte sie, war fast nicht auszuhalten und sie verbarg ihre Trauer unter dem Schutzmantel der Unnahbarkeit.

 Sie gehörte nun einem Jungen, war das dritte Pferd in dessen Familie. Auch seine Mutter und seine Schwester hatten je ein Pferd. Sie erinnerte sich an ihn als einen unhöflichen Menschen, einzig an Turniererfolgen interessiert. Sie trainierten hart, ihre Schnelligkeit und die Qualität ihrer Gänge waren die Eintrittskarte in diese erfolgsorientierte Welt. Sie lernte, dem Druck, den er ihr machte, mit Schnelligkeit auszuweichen, alles wurde ihr unangenehm: der mit harter Hand geführte Zügel, die fordernden Schenkel, der angespannte Sitz des Reiters. Mit der Nase im Wind flog sie auf der Rennbahn dahin, doch ihre Freiheit fand sie dort nicht.

Ab und zu ritt seine Schwester mit ihr, da konnte sie sich ein wenig entspannen und einen Ausritt genießen, spürte eine freundliche Verbindung zu ihr. Jedoch. viel zu selten waren solche Momente in all den Jahren.

 Der Junge wurde erwachsen und interessierte sich nicht mehr für sie. Sie wurde unruhig, immer öfter kamen fremde Menschen, die sich auf sie setzten und sie mit der gleichen Unhöflichkeit behandelten. Sie wusste, was sie zu tun hatte und rannte, um diesem Druck zu entkommen. Mehrere Wochen musste sie auch auf einem fremden Hof verbringen, schließlich wurde sie als „unverkäuflich“ wieder zurückgeschickt. Die Mutter des Jungen war ratlos.

 Messa van de Veluwezoom trat völlig überraschend in mein Leben, ich wollte mir auf gar keinen Fall noch ein Pferd kaufen!

Eines schönen Tages im Juli 2013 läutete mein Telefon und eine gute Bekannte schilderte mir ihr “Unglück“: Ihr Sohn sei im Besitz eines Turnierpferdes, er habe aber seit dem Abitur andere Interessen und seit einem Jahr versuche sie nun – bis jetzt erfolglos – dieses Pferd zu verkaufen. Ihre Tochter und sie selbst hätten jede noch ein gut zu ihnen passendes Pferd und Messa wäre sozusagen das fünfte Rad am Wagen.

Auch von einem renomierten Ausbildungs-und Verkaufsstall kam sie nach ein paar Wochen als „unreitbar“ wieder zurück und am jetzigen Einstellplatz sei der Verkauf (aus verschiedensten Gründen) nur schwer möglich. Sie fragte mich nun, ob ich dieses Pferd bei mir einstellen könne, damit Kaufinteressenten in aller Ruhe probieren könnten. Ich stimmte zu und ein paar Tage später rollte der Hänger auf den Hof. Messa stieg aus und mit Entschiedenheit verschaffte sie sich Raum in der Herde, nur Falki erkannte sie als ebenbürtig an.

Messa war zu dem Zeitpunkt 13 Jahre alt und gebürtige Holländerin. Die Recherche zur Bedeutung ihres Namens gestaltete sich schwierig, im lateinischen bedeutet es „Messe“, nun ja, wer nennt sein Pferd so? Dank Wikipedia stieß ich auf eine Musikanweisung, die mit „an- und abschwellend“ übersetzt wurde und ich fand, das passte zu ihr: in den Gängen kann sie das Tempo schnell variieren, ihr Ausdruck ändert sich blitzschnell von entspannt zu wachsam und auch wieder zurück. Monate später gelangte ich jedoch zu einer weiteren Erkenntnis, doch davon später.

Ich beobachtete Messa, wenn die Tochter meiner Bekannten sie ritt. Der Übergang zum „normalen“ Reitpferd fiel ihr nach 5 Jahren ehrgeizigen Turnier-Trainings allerdings schwer, sobald sie zuviel Druck – körperlich oder mental – spürte, reagierte sie in bewährter Weise: sie rannte und war kaum zu bremsen. Ich war neugierig und bot ihr Bodenarbeit an. Messa war – und ist – ein ausgesprochen höfliches Pferd und verlangt auch nach einem höflichen Umgang mit ihr. Ich erkannte, daß sie durchaus bereit war, über ihren Schatten zu springen, wenn sie dem begleitenden Menschen vertraute. Sie ist ranghoch und zeigt es auch deutlich, wenn ihr das menschliche Benehmen unerträglich ist. Auf meine Stimme und meine Handzeichen vom Boden aus reagierte sie jedoch prompt und sehr fein.

Viele Kaufinteressenten waren von ihrer Schönheit und Ausstrahlung berührt, bewunderten ihre tollen Gänge, beim Reiten jedoch ließen sie es stets an der nötigen Achtsamkeit fehlen und mussten aufgeben. Ich begleitete deren Reitversuche und beobachtete, daß Messa jedem die Chance gab, sich mit ihr in Verbindung zu setzen und ihre Mitarbeit anbot, wenn jedoch ihre Wünsche nach Achtsamkeit und druckfreiem Reiten ignoriert wurden, drückte sie auf die Tube. „Das ist ein lebensgefährliches Pferd!“, lautete einer der Kommentare und ihr Schicksal schien besiegelt.

Inzwischen hatte ich sie auch reiterlich ausprobiert und mit ihr folgende Vereinbarung getroffen: „ich mache keinen Druck und Du arbeitest mit.“

Sie war glücklich mit dem Knotenhalfter, sie lernte, mir bei der Bodenarbeit zu vertrauen, sie entspannte sich langsam aber sicher unter dem Reiter, sie empfand den Zügel nicht mehr als ihren persönlichen Feind, konnte nun auch die Berührung des Reiterschenkels an ihrem Körper akzeptieren – sie wurde toleranter im Umgang mit den Menschen und den anderen Pferden, ihr Körper und ihr Geist wurden weicher.

Messa forderte mich auf meinem Weg zur ganzheitlichen Reitweise heraus, doch sie inspirierte und belohnte mich auch. Sie ist unerbittlich, wenn ihre Grenzen überschritten werden, jedoch sofort sanft und mit toller Mitarbeit, wenn sie die Achtung und den Respekt des Menschen wahrnimmt.

Ich ahnte, daß dieses Pferd aus einem – mir zwar noch nicht bekannten – bestimmten Grund bei mir gelandet war, aber ein weiteres Pferd, das nichts zu seinem Unterhalt – zB im Schulbetrieb – beitragen konnte (siehe Falki), wollte ich mir eigentlich nicht leisten. Ich war wieder einmal in der Zwickmühle. Ich lehnte mich zurück und dachte nach, aber die Lösung lag schon auf der Hand: ich musste ein anderes meiner Pferde verkaufen – und ich wusste auch, daß es Skjoni sein würde, aber das ist eine andere Geschichte.

Schließlich wollte ich ihr keine weiteren erfolglosen Reitversuche potentieller Käufer mehr zumuten und einigte mich mit der Besitzerin. Messa fand zur Zufriedenheit aller an diesem Handel Beteiligten eine neue Heimat bei mir.

Irgendwann bemerkte sie die Veränderung. Es kamen keine fremden Reiter mehr, sie hatte nur noch mit einem Menschen zu tun, einer höflichen, aber bestimmten Frau. Langsam begann ihr die Arbeit wieder Spaß zu machen und sie konnte sich sogar auf völlig neue Übungen einlassen. Gelbe und blaue Stangen verloren ihren Schrecken, sie achtete sehr fein auf die Fingerzeige der Frau und langsam entstand Vertrauen zwischen ihnen. Nach wie vor gab es angstvolle Momente. Sie ertrug es einfach nicht, wenn zappelnde Kinder auf ihr saßen, die nicht wussten, wie sie ihre Beine im Zaum halten sollten. Selbst wenn sie dabei von der Frau geführt wurde, erschrak sie bei jeder Berührung.

 Eines Tages schnallte ihr die Frau den Voltigiergurt um und stellte ihr ihre Nichte Eli vor. Messa war auf der Hut, immerhin wollte dieses Mädchen auf ihrem bloßen Rücken sitzen.

Meine Nichte Elisabeth hat jahrelang voltigiert und ich setzte sie als „großes Kind“ mit dem Voltigiergurt auf Messa. Eli pflegt einen sehr sanften, aber bestimmten Umgang mit Pferden und gibt nicht gleich bei der ersten Schwierigkeit auf. Langsam gewöhnten wir Messa an ungewohnte, ungewöhnliche Berührungen und Körperhaltungen des Reiters und auch hier gewann sie Vertrauen.

Nach ein paar Monaten intensiven Trainings bot ich sie meiner Freundin Lisa als Reitbeteiligung an – einer höflichen, zuvorkommenden Frau, die generell einen liebevollen Umgang mit Pferden pflegt. Sie hatte bereits eine Zeitlang eine Reitbeteiligung auf Falki, gab aber nach ein paar Monaten auf, da ihr ihre innere Anspannung während einer privat für sie schwierigen Zeit für ein erfolgreiches Miteinander im Wege stand. Doch der Wunsch nach einem „eigenen“ Pferd war weiterhin stark. Falki hatte mittlerweile seine Bestimmung gefunden und nun war sie bereit, ihrem Traum wieder Leben einzuhauchen.

Messa war fasziniert von Lisa, ein Mensch, der sich ihr liebevoll auf Augenhöhe näherte und den gleichen höflichen Umgang pflegte wie sie selbst. Sie bemerkte zwar deren Selbstzweifel, nicht gut genug für sie zu sein, aber darüber konnte sie hinwegsehen. Viel mehr Schwierigkeiten bereitete es ihr jedoch, den von Lisa oft angehaltenen Atem zu ignorieren – dann spannte sie sich an und rannte mit erhobenem Kopf um ihr Leben. Doch ebenso schnell ließ sie sich fallen und reduzierte ihr Tempo, wenn Lisa ihre Knie sinken ließ und ausatmete.

 Es war ein gegenseitiges Lernen, das anhob: Sie bestand auf einer weichen Zügelführung und einem ruhigen, entspannten Atem, dann bot sie ihren Rücken an und ließ Lisa im ruhigen Tempo ganz weich sitzen. Das war allerdings eine der größten Herausforderungen für Lisa, sie kämpfte ständig mit ihren inneren und äußeren Verspannungen, hervorgerufen auch durch ein Gefühl von Beengtheit.

 Mit Messa’s Hilfe gelangte Lisa zu einer bewußteren Körperwahrnehmung und sie machten sich vom Viereck auf ins Gelände. Viele entspannte Spaziergänge später hatte Messa Lisa davon überzeugt, daß ausreiten auch eine Möglichkeit ist, entspannt miteinander Zeit zu verbringen und sie begannen, ihre Freiheit zu genießen.

 Im darauffolgenden Sommer waren beide soweit miteinander vertraut, daß Lisa ihren 7jährigen Sohn mit dem Voltigiergut auf Messa setzen und mit beiden entspannt einen Spaziergang machen konnte. Ich staunte, wieviel Potential dieses Pferd schon ausgelotet hatte.

Bei einem meiner ersten Kurse „Bewusster Reiten mit der Kraft der 5 Elemente“ wählte ich Messa für eine für sie schwierige Aufgabe aus. Das Thema war „Zeit geben – Zeit nehmen“ und eine Kurs-Teilnehmerin musste sie über eine Plane führen. Die Plane war zuerst auf ein kleines Viereck gefaltet, wurde danach auf einen schmalen Streifen erweitert und schließlich zu ihrer vollen Größe entfaltet. Zeit, Achtsamkeit und Respekt bewirkten soviel Vertrauen bei dem Pferd, daß sie schließlich nicht nur gelassen darüber ging, sondern auch darauf stehen blieb. Zwei Teilnehmerinnen hatten sich, einander zugewandt, auf die flatternden Enden der Plane gestellt und Messa stellte sich genau dazwischen, aber nicht, weil sie nicht mehr mitarbeiten wollte, sondern weil sie in der authentischen Energie dieser zwei Menschen baden wollte! Ein magischer Moment von mehreren Minuten!!!

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Im Sommer 2014 mußten wir alle mehrere Verluste bewältigen: ein Herdenmitglied verstarb auf tragische Weise, nicht lange darauf verkaufte ich Skjoni und ein Einsteller wechselte den Stall. Lisa bemerkte zwar, daß Messa viel schwitzte, doch es war Sommer und wir dachten uns nichts dabei.

Die Trauer überwältigte sie beinahe. Drei Pferde waren ohne Abschied einfach aus ihrer Herde verschwunden. Sie war doch neben Falki die Herdenchefin, wieso hatte sie es nicht bemerkt? Sie kannte dieses Gefühl, aber es erklärte sich ihr nicht. Wieder und wieder stand sie am Zaun und hielt Ausschau, horchte und suchte nach einem Hinweis. Dann wieder ließ sie frustriert den Kopf sinken, sie kam hier nicht weg, war eingesperrt, alle Bemühungen waren vergebens. Die Enge schlich sich langsam in ihren Körper, umklammerte ihren Brustkorb, nahm ihr schließlich den Atem.

 Im Spätherbst begann Messa zu husten und entwickelte eine Heustauballergie. Sie bekam schwer Luft und pumpte den Atem regelrecht in ihre Lungen. Auch Lisa war ständig anfällig für Nebenhöhlenentzündungen und mir machte die Husterei des Pferdes soviel Streß, daß mein allergisches Asthma auch aufblühte. Es brauchte länger, bis die Homöopathin ein passendes Mittel fand – aber das alleine reichte nicht.

Lisa und ich machten uns große Sorgen. Wenn ich Messa betrachtete, verspürte ich ihre große Traurigkeit und „sah“ ein Fohlen bei ihr. Ich wusste von der Vorbesitzerin, daß Messa einmal trächtig war, dieses Fohlen aber verloren hatte. Ich fragte Messa also, ob sie sich wieder ein Fohlen wünscht, da verschwand das Bild. Also nein. Ich dachte an all die Abschiede, die sie in diesem Jahr zu bewältigen hatte, wusste aber nicht so recht weiter. Das Bild des Fohlens stand für mich energetisch auch für einen Neubeginn, aber irgendwie brachte ich das alles nicht unter einen Hut.

Vorsorglich bekam sie gewaschenes Heu und der Husten wurde etwas leichter. Leider bedeutete es, daß ich ihre Bewegungsfreiheit einschränken musste, über Nacht kam sie in eine Box und nur tagsüber lief sie mit der Herde im Offenstall mit. Für mich fühlte es sich an, als käme sie vom Regen in die Traufe.

Ich erbat mir Hilfe von meiner Freundin Birgit, sie ist Tierkommunikatorin, pendelt und kann Chakren öffnen. Bei Messa waren das Hals- und das Wurzel-Chakra blockiert, nach deren Behandlung wandelte sich Messa’s Kommunikationsmuster. Sie ließ sich nun lieber anfassen, ging auf uns zu, fand es total spannend, daß sie sich nun mit einem Menschen unterhalten konnte und zeigte sich um ein vielfaches zugänglicher, als jemals zuvor.

Messa liebte es, sich mit Birgit zu unterhalten, die Verbindung funktionierte über alle Grenzen hinweg und sie „besuchte“ sie auch in deren Küche, wenn sie etwas loswerden wollte. Sie verhalf Birgit zur Einsicht, daß auch „ihr“ Mensch mitbehandelt gehört, daß Lisa und sie Spiegel füreinander sind und jeweils eine der anderen hilfreich bei der Bewältigung ihres Schmerzes, ihres Verlustes zur Seite steht.

 Eines Tages war sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der beiden Frauen. Sie verfolgte gespannt deren Gespräch und Birgit’s Aktivitäten: Birgit hatte Lisa eingeladen, sich die Chakren von ihr auspendeln bzw. öffnen zu lassen. Sie kannte Lisa’s skeptische Haltung, erspürte deren Schutzwall, den diese zwischen sich und dem Schmerz errichtet hatte und zeigte ihr zuerst, was sie mit Messa macht, wenn sie diese behandelt. Es hatte den Anschein, daß Messa sich bewusst vorbildlich und kooperativ gab, wie um Lisa zu zeigen, daß sogar sie es aushalten konnte.

 Birgit wollte Lisa keinesfalls mit ihrem Ansinnen überfallen und so formulierte sie ihr Anliegen diplomatisch und sehr zurückhaltend. Messa stand dabei und hörte sich das Gespräch an, aber plötzlich ergriff sie die Initiative und schubste Lisa regelrecht zu Birgit hin: „mach endlich, Du weißt doch, daß es gut für Dich ist!“ Lisa musste lachen und rief: „ich mach ja schon!“. Der Bann war gebrochen!

 Birgit und ich betrachteten Messa und beinahe gleichzeitig kamen wir zu der Einsicht, ein geflügeltes Wesen vor uns zu haben, und plötzlich ergab die Bedeutung ihres Names einen Sinn: auf- und abschwellend wie der Flügelschlag einer Elfe – und ihre Seele wandte sich mir zu.

Es zeigte sich, daß auch bei Lisa das Hals-Chakra, das Chakra für die Kommunikation, blockiert war. Nach der Behandlung offenbarte sich jedoch Lisa’s wunder Punkt – erstmal lag sie für eine Woche mit einer massiven Nebenhöhlenentzündung flach und musste Ruhe geben. Doch Ruhe ist etwas, was sich Lisa nur ganz schwer gönnen kann, je länger sie nicht aktiv sein kann, desto schlimmer werden ihre Verspannungen und viel zu früh stürzt sie sich wieder in die Arbeit.

Diesmal nahm sie sich jedoch Zeit zum Nachdenken und erkannte, daß ihre Aktivitäten ihr als Schutzwall dienten, um ihren seelischen Schmerz auf eine erträgliche Distanz zu halten. Und dass es Messa gleich erging.

Als Kind fühlte sich Lisa diesem Schmerz hilflos ausgeliefert und suchte nach Möglichkeiten, ihm auszuweichen. Doch nun – als erwachsene Frau – sah sie auch, daß sie durchaus fähig war, auf eine andere Art mit dem Schmerz ihrer Seele umzugehen. Nun konnte sie tief durchatmen und ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen.

Messa ermöglicht Lisa Freiheit in einem Ausmaß, welche sie sich selbst sonst nicht zugestehen kann; umgekehrt ist es aber genauso: Lisa verschafft Messa die notwendige Freiheit, indem sie entspannt mit ihr am langen Zügel ins Gelände geht – eine Freiheit, die Messa sonst nicht leben kann.

Ihrer beider Seelen möchten befreit werden, die gestutzten Flügel wollen endlich wieder wachsen und sich zum Fliegen ausbreiten können! Der Verlust der körperlichen Freiheit ebnete ihnen schließlich den Weg zur Freiheit im Geiste.

Zufrieden schleckte sie und kaute schließlich ab. Etwas war anders geworden, sie hustete nicht mehr so viel und brauchte auch nicht mehr so viel Freiraum in der Herde. Nun konnte sie den Beobachtungsplatz am Zaun aufgeben, sie fühlte sich mitten in der Herde wohl. Sie spürte, daß ein festes Band zwischen ihr und Lisa entstanden war, ein Band, das sie jedoch nicht mehr als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit empfand. Natürlich bedeutete es Verantwortung, aber auch liebevolle Zuwendung, füreinander da zu sein – sie schnaubte ab, während sie nachdachte und entschied, sich mit ihrem Schicksal zu versöhnen.

Heute, ein halbes Jahr später, läuft Messa wieder ganz normal in der Herde mit, sie braucht kein gewaschenes Heu mehr und der Husten ist – bis auf wenige Ausnahmen an staubigen, heißen Tagen – vorbei.

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