Komet: ein lichter Wegweiser

Randver von Móna-Arnanesi

Ein Komet oder Schweifstern ist nichts anderes, als ein Konglomerat von Eis, Staub und lockerem Gestein. Dieser Himmelskörper rast meist unbeachtet durchs Weltall, erst in Sonnennähe verwandelt er sich in das bewunderte Objekt und prunkt mit seinem leuchtenden Schweif. Der Name leitet sich aus dem altgriechischen Wort „Kóme“ für Haupthaar oder Mähne ab.

Der isländische Name „Randver“ bedeutet „der Gestreifte“. Ursprünglich hatte ich diesen Namen für ihn ausgesucht, weil seine gescheckte Fellfarbe auf der Kruppe in einen langen Streifen überging. Erst Jahre später erkannte ich die Essenz seines Wesens: ein Komet, ein Bote, der Veränderungen ankündigt, ein kraftvoller Himmelskörper, ein lichter Wegweiser.

Eine Bekannte wollte ihre reinrassige Islandstute unbedingt von einem gescheckten Welsh-Pony-Hengst decken lassen. Das Ergebnis war zwar ein supersüßes Fohlen, das jedoch mit zunehmendem Alter deutlich „untergroß“ für den Rest des Körpers werden sollte.

Randver hatte schon im Bauch seiner Mutter für eine große Veränderung gesorgt. Familiäre Turbulenzen veranlassten meine Bekannte, die hochträchtige Stute bei mir einzustellen. Da sie auch in einer finanziell prekären Lage war, vereinbarten wir, daß das Fohlen nach der Geburt in meinen Besitz übergehen sollte. Es war ein Akt der Barmherzigkeit, und nicht der Vernunft.

Als Randver erwachsen war, hatte er ein Stockmaß von nur 120 cm erreicht, die Ponygene seines Vaters hatten voll durchgeschlagen. Zusätzlich war er mit Intelligenz, einem enormen Dickschädel und der Schnelligkeit eines Arabers ausgestattet worden. Zu Arbeit an sich hatte er keine große Neigung, aber er spielte für sein Leben gern, apportierte Hütchen und widmete jedem Spielzeug seine ungeteilte Aufmerksamkeit, um herauszufinden, was man denn damit alles anstellen könnte. Ich gab ihn zu Theresa in Beritt, einem Mädchen mit enormen Horse-Sense und einem mindestens gleich großen Dickschädel. Randver liebte sie und gewöhnte sich ihr zuliebe an Sattel und Zaumzeug. Doch er war kein Pferd für den Schulbetrieb – es brauchte eine andere Lösung für ihn.

Birgit nahm eine Zeitlang Reitunterricht bei mir, aber sie kam immer mehr zum Schluß, daß sie nicht unbedingt reiten musste, um Spaß mit einem Pferd zu haben. Sie fragte mich, ob denn eine Reitbeteiligung auch ohne Reiten möglich wäre. Natürlich rannte sie da bei mir offene Türen ein und ich bot ihr an, es doch mal unverbindlich mit Randver zu versuchen.

Randver erfuhr erstmalig, daß ein Mensch nur wegen ihm kam und nach mehreren Wochen begann er sich Birgit zuzuwenden, heimlich auf sie zu warten, sichtbar zu werden, wenn er ihre Stimme erkannte.

Ich brachte Birgit die Grundbegriffe des Natural Horsemanship bei – Randver kannte sie ja schon – damit sie sich auf der gleichen Ebene verständigen konnten. Langsam öffnete er ihr sein Herz, zeigte, daß er sich freute, wenn sie kam – und schlich sich auch in Birgit’s Herz. Dennoch verspürte ich eine emotionale Vorsicht bei beiden. Wenn ich sie beobachtete, standen Fragen im Raum: „Kann ich mich auf Dich verlassen? Stehst Du immer zu mir? Wann wirst Du meiner überdrüssig?“

Ein Jahr später hatten sie sich eine gute Vertrauensbasis erarbeitet, viele Übungen klappten nun wunderbar. Sie konnten nun ihren persönlichen Raum einnehmen und den des anderen respektieren.

Im darauffolgenden Frühjahr wurde Randver krank, er hatte massive Atemwegsprobleme, bekam schwer Luft und hustete viel. Für mich war es letztendlich der Wink mit dem Zaunpfahl, doch endlich den Neubeginn zu wagen und mich von diesem Stall zu trennen.

Die Prognose der Tierärztin war schlecht, sehr schlecht. Sie wollte ihm schon Kortison spritzen, aber ich wusste um die gefürchteten Nebenwirkungen dieses Medikamentes und ein Pony mit Hufrehe war nun wirklich das letzte, was ich gebrauchen konnte. Also einigten wir uns auf einen Kompromiß bei der medikamentösen Behandlung und ich stellte seine Fütterung um: nasses Heu und eine spezielle Kräutermischung zur Unterstützung der Atemwege.

Daß Birgit trotzdem kam und sich mit Randver beschäftigte, schweißte sie weiter zusammen. Sie wusste, daß er in dieser Zeit auf keinen Fall laufen sollte, weil das zu einem Lungenkollaps führen konnte. Sie war sehr einfallsreich und dachte sich jede Menge Konzentrationsübungen für ihn aus. Sie war sehr auf seine Gesundheit bedacht und ließ ihm gegenüber keinen Zweifel daran, daß sie das Tempo bestimmte.

Nach zwei Monaten hatte sich sein Gesundheitszustand soweit gebessert, daß wir wieder zur normalen Tagesordnung übergehen konnten. Die liebevolle Zuneigung zwischen Birgit und dem kleinen Schecken hatte sich vertieft, trotzdem gab es immer wieder kleinere „Grenzkonflikte“ zwischen den beiden, obwohl sie einen Deal miteinander abgeschlossen hatten: sie würden sich gegenseitig das beibringen, was sie besser als der andere konnten. Randver verteidigte auf Pferdeart seine Grenzen, indem er zwickte, wenns ihm zuviel war.

Longieren mit dem Seil war lange Zeit für Birgit ein Buch mit sieben Siegeln. Randver nutzte ihre Fähigkeit zur Tierkommunikation und schickte ihr – passend zu seinem körperlichen Verhalten – die richtige Anleitung: „Schulter“, tönte es in ihrem Kopf, wenn ihm ihre vordere Schulter im Weg stand und ihn bremste und „treiben“, wenn er langsamer wurde, weil sie vergaß, den Carotstick zu bewegen. Lachend erzählte sie mir von dieser ungewöhnlichen Lehrstunde und daß ihn diese neue Rolle sehr stolz machte.

Nun, wir hatten auch ernste Themen, die wir miteinander besprachen, die oben erwähnten Fragen waren auch in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen präsent. Von schicksalhaften Begegnungen her kannte sie das Gefühl, verlassen zu werden, wenn ihr sozusagen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Sie wünschte sich mehr Nähe und Anerkennung ihrer Fürsorge und vergaß dabei, auf sich und ihre eigenen Grenzen zu achten.

Randver gab sich nicht mit ihren Halbwahrheiten zufrieden, er wollte es genau wissen. Eines Tages war es soweit: ich war ausreiten und Birgit wollte sich mit Randver im Viereck beschäftigen. Als ich zurückkam, aus dem Schatten des Waldes heraustrat und in Randver’s Blickfeld geriet, geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Ich hielt an, weil ich mir überlegte, welchen Weg ich nehmen sollte, um die Arbeit der beiden möglichst wenig zu stören. Birgit war voll auf Randver konzentriert, stand aber gerade mit einem Fuß auf dem Ende des Seils – und Randver sah mich und mein Pferd aus dem Augenwinkel, erschreckte sich und startete durch. Der Ruck am Seil riß Birgit von den Füßen und da sie nicht los ließ, wurde sie ein paar Meter auf dem Hackschnitzelboden am Bauch mitgeschleift.

„Das hat mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen!“, berichtete sie mir später aufgebracht, „das war das gleiche Gefühl, daß ich schon in einer meiner Beziehungen hatte! Ich versteh’ ja, wenn Randver vor etwas Angst hat, aber daß er gleich losrennt, ohne auf mich zu achten – nein, das brauch ich nicht!! Jetzt g’langts, i hör auf!“ Sie war wütend, weil sie zuwenig auf sich selbst geachtet hatte. „Aber dann hab ich mich doch umgedreht und bin wieder zu ihm zurückgegangen und hab ihm g’sagt, du machst jetzt das, was ich will. Und dann“, sagte sie befriedigt, „hat er das alles gemacht, was ich wollte. Meine Energie war so präsent, daß er nicht einmal im Ansatz das Bedürfnis hatte, mit mir zu diskutieren!“

Ich fragte sie, warum sie denn das Seil festgehalten hatte und nicht losließ? Ob es denn da auch eine Parallele auf der menschlichen Beziehungsebene gibt. „Ja,“ sagte sie ruhig, „weil ich Angst vor dem Verlassenwerden habe.“

Randver hatte sie mit ihren Ängsten konfrontiert und nun „leckte sie ihre Wunden“. Ein paar Tage später kam sie wieder und erzählte mir, wie sie mit dieser Erfahrung umging. „Ich habe drei Karten aus dem Set der Tierbotschaften gezogen. Meine erste Frage war: Was soll ich lernen? Ich habe den Steinbock aufgedeckt, er steht für die Durchsetzungsfähigkeit.“   Ich schmunzelte.

„Meine zweite Frage war: Was soll Randver lernen? Ich zog den Fuchs, er steht für Vertrauen und für das Auflösen von karmischen Verletzungen.“ … Ich grinste.

„Und dann wollte ich noch wissen, wo uns das ganze hinführen soll. Als ich da die Karte mit dem Krokodil gezogen habe, war ich zuerst echt erschrocken. Doch das Krokodil steht für Transformation!“ … Ich prustete los und Birgit stimmte in mein Gelächter mit ein. „Das ist unglaublich“, sie grinste noch immer, „im Grunde meines Herzens weiß ich das alles, aber offensichtlich muß ich das auch noch schwarz auf weiß sehen, damit ich es glauben kann!“

Ich fasste meine Erkenntnis ihres Prozesses zusammen: „Wenn Du für Randver heilsam sein willst, musst Du auch Deine Verletzungen heilen, musst Du Deine Ängste in Vertrauen transformieren. Randver ist ein Meister im Grenzen austesten, aber er lehrt Dich auch das nötige Durchsetzungsvermögen, bis Du diese Aufgabe meisterst.“

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