Schicksalhafte Begegnung

Una frá Sydra-Skördugili

Schon als kleines Mädchen hatte ich einen Traum: den Traum von einem eigenen Pferd. „Unmöglich“, sagten meine Eltern, „das können wir uns nicht leisten.“ Aber sie sorgten dafür, daß ich in den Sommerferien an dem von der Stadtgemeinde gesponsertem Reitunterricht teilnehmen konnte.

Im Alter von 10 Jahren beschloß ich, Reitlehrerin zu werden. „So ein Blödsinn“, sagten meine Eltern, „lern was Gscheit’s!“ Also lernte ich was Gescheites.

Jahre später träumte ich von einer Reise nach Island, von der Teilnahme an einem Wanderritt mit Islandpferden, bis ich mir endlich ein Herz fasste und die Reise tatsächlich buchte. Danach war klar, ein Leben ohne diese ursprünglichen Pferde konnte ich mir nicht mehr vorstellen und ich wurde regelmäßiger Reitgast auf einem naheliegenden Islandpferdehof. Nach zwei Jahren wurde ich dann gefragt, ob ich denn nicht ein eigenes Pferd haben möchte. Natürlich wollte ich ein eigenes Pferd, aber „eure Preise kann ich mir leider nicht leisten“, antwortete ich.

Nach einer kurzen Pause war ich selbst am allermeisten von meinen weiteren Worten überrascht: „Aber wenn ich es mir leisten könnte, würde ich mir die Una [sprich: üna] kaufen!“, sagte ich aus dem Bauch heraus.

Ich biß mir auf die Zunge, was hatte ich da bloß gesagt? Una war eine 13jährige Fuchs-Stute, aus Island gebürtig, hochsensibel, aber im Reitunterricht als stur verschrien. Wenn man ihr das Zaumzeug überstreifen wollte und bei ihren Ohren ankam, stieg sie, die Gerte scheute sie schon aus der Entfernung und wenn sie mal rannte, war sie schwer zu bremsen. Ich hoffte, daß ich meinen Wunsch nicht zu laut geäußert hatte, aber da hatte ich mich getäuscht.

Der Eigentümer machte mir ein Angebot, daß ich mir sehr wohl leisten konnte und so wurde ich im Alter von 30 Jahren Besitzerin einer bildhübschen, aber sehr schwierigen Islandstute.

Als allererstes meldete ich mich mit ihr bei einem TTellington-Kurs an und auch das war – wieder aus dem Bauch heraus – eine sehr gute Entscheidung. Langsam gewöhnten wir uns aneinander, fanden heraus, was wir gerne mochten und welche Probleme wir noch bewältigen mussten.

Das mit den Ohren hatten wir schon hinbekommen, ich durfte diese – zwar nur widerwillig geduldet – anfassen. Damals war es in Island durchaus üblich, den Besitzanspruch an Fohlen mittels Einkerbungen mit dem Messer an den Ohren zu markieren, kein Wunder, daß Una die Erinnerung daran mit Steigen und Flucht quittierte. Wir hatten uns auch schon darauf geeinigt, daß ich beim Reiten eine Gerte mittragen durfte, um die einfache Signalreitweise, die man ihr beigebracht hatte, zu unterstützen, ich durfte sie damit auch abstreichen.

Ich hatte den Hof gewechselt, damit ich Una näher bei mir hatte und ich jeden Tag etwas mit ihr machen konnte. Ich hatte meine Freude an ihr, aber hundertprozentig konnte ich ihr nicht vertrauen. Sie hatte ein paar spezielle Angewohnheiten, mit denen sie mir Angst machte.

Ich hatte – wie so viele andere Reitschüler auch – gelernt, daß man die Zügel auf- und annimmt, wenn man langsamer werden möchte. Tja, Una hatte das anders gelernt: Zügel aufnehmen bedeutet: schneller werden, die darauf folgende Anspannung des Reiters bemerken und dann noch schneller werden. Vor allem bergab wollte ich unbedingt langsam reiten und sie interpretierte meine Hilfen sehr oft gegenteilig.

Eine weitere Eigenheit war, daß sie im Wald die Bäume gerne so umging, daß ihr Körper ohne weiteres Platz hatte, meine Knie jedoch öfter schmerzhaften Kontakt mit den Baumstämmen hatten.

Eines Tages unternahm ich einen längeren Ausritt, verschätzte mich aber mit der dafür benötigten Zeit. Es dämmerte schon und ich hatte noch ein paar Kilometer bis zum Stall. Das letzte Stück des Weges führte bergab durch einen dichten Fichtenwald und plötzlich war es um mich stockdunkel. Ich sah nicht einmal mehr meine Hand vor den Augen und parierte Una erschrocken durch. Da standen wir nun und ich war völlig ratlos, wie ich denn nun nach Hause kommen sollte. Ich saß auf einem Pferd, das bergab gerne mal davonlief und das Hindernisse ohne Rücksicht auf meine Knie umging. Andererseits, so sagte ich mir, sieht ein Pferd in der Dunkelheit viel besser als der Mensch – ich sah nämlich gar nichts mehr, nur ein leichtes Schimmern ihrer blonden Mähne vor mir. Ich wusste, wenn ich absteige und zu Fuß gehe, finde ich garantiert keinen Weg. Was also tun? Die Zeit dehnte sich, während ich wie gelähmt und voller Angst auf meinem Pferd saß. Una wartete.

Schließlich wusste ich, was notwendig war, aber es kostete mich enorme Überwindung, es zu tun. Ich legte den Zügel vor mir auf den Widerrist und sagte leise zu ihr: „Una, bring uns heim.“

Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, trug mich im gleichmäßigen Tempo bergab und ich ahnte mehr, als daß ich es sah, daß sie sich in der Mitte des Weges hielt. Von diesem Tag an hat sie mir mein Vertrauen tausendfach vergolten.

Una wurde 36 Jahre alt und ergraute in Würde. 23 Jahre meines Lebens hat sie mich tagtäglich begleitet, unspektakulär und unaufdringlich, aber stets präsent!  Zwar war sie die letzten Jahre auf einem Auge blind, aber durchaus imstande, sich in ihrer kleinen Herde zurechtzufinden und ihren Lebensabend zu genießen. Als ihre Kraft schließlich nachließ, schickte sie mir in einem Traum ihren Wunsch, in die Welt der Pferdeahnen zu wechseln.

Sie hat mir geholfen, meinen Traum zu leben: ich wechselte den Beruf und wurde Reitlehrerin, Pferdewirtin und schließlich Heldenreise-mit-Pferden-Trainerin. Ich begann zu züchten und sie blieb nicht mein einziges Pferd – aber sie war die Erste und hat einen besonderen Platz in meinem Herzen.

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