Verbindung

Láski – „Schließe die Tür der Sprache und öffne das Fenster der Liebe.“(Rumi)

Láski [lauski] ist ein hübscher Isländer, ein Braunschecke mit zwei blauen Augen und kam im Alter von dreieinhalb Jahren zu mir. Eigentlich wollte ich seine Mutter Birting kaufen, doch seine Besitzer wollten ihn unbedingt auch loswerden, also musste ich diese Draufgabe mitkaufen. Beim Anblick des Jungpferdes war mir auch sofort klar, warum: am ganzen Körper hatte er riesige kahlgescheuerte Flecken. Ich war entsetzt und dachte zuallererst an das gefürchtete Sommerekzem, doch irgendwie kamen mir die Symptome komisch vor. Ich schaute mich auf dem Hof um und entdeckte, daß die Pferde mit den Hühnern im gleichen Stall untergebracht waren und irgendetwas diese Allergie ausgelöst hatte. Da er erst nach dem Winterfellwechsel zu scheuern begonnen hatte, wuchs auf den kahlen Stellen kein dichtes Fell mehr nach.

Es war klar, der arme Kerl musste mit, aber wie sollte er die Zeit überstehen, bis das Fell wieder nachgewachsen war? Immerhin war es Winter und meine Pferde lebten im Offenstall!

Làski erfror nicht, mit einer Pferdedecke und Übernachtungen in der Box überstand er die raue Zeit und nach dem nächsten Fellwechsel hatte er sich zu einer wahren Schönheit gemausert.

Bei der Bodenarbeit und beim Anreiten des Jungpferdes zeigte sich, daß er ein Fünfgänger mit großer Neigung zum Pass war. Tölt und Trab waren nur möglich, wenn er sich wirklich gut entspannen konnte. Sein Geist folgte seinem Körper, er war in jeder Hinsicht ein sehr angespanntes, sehr schnelles, schwer zu bremsendes Pferd und der Beritt war für mich eine Herausforderung. Für mich war klar, er war ein Pferd, das ich verkaufen wollte und zu Verkaufspferden hielt ich zu meinem eigenen Schutz eine gewisse innere Distanz. Ich erkannte aber auch, daß Láski unter dieser Distanziertheit litt, er wünschte sich wohl einen Menschen nur für sich. Mit seinen Veranlagungen aber war er definitiv ein schwer verkäufliches Pferd, zumal meine Klientel zu hundert Prozent aus dem Freizeitreiter-Bereich und nicht aus der Turnierreiter-Szene kam.

Láski musste sich also seinen Unterhalt bei mir im Schulbetrieb verdienen. Die besseren Reiter kamen halbwegs mit ihm zurecht, aber es war immer eine Gratwanderung, immer wieder musste ich mir kreative Lösungen einfallen lassen, um dieses Pferd im Viereck zu bremsen, ans Ausreiten mit Schülern war nicht zu denken.

Ein gutes Schulpferd ist ein wahres Goldstück, es soll charakterlich und gangmäßig so entspannt sein, daß es ihm nichts ausmacht, daß es jeden Tag ein oder sogar mehrere verschiedene Reiter trägt. Es soll nicht faul aber auch nicht zu aufgedreht sein, kurz gesagt: es soll sowohl für Anfänger als auch für fortgeschrittene Reiter genau das richtige Maß an Sicherheit und Herausforderung bieten.

Tamara war ein hübsches, langbeiniges Mädchen und nahm schon einige Jahre Unterricht bei mir. Sie hatte einen ganz eigenen Reitstil entwickelt. Ihr Motto war: so wenig wie möglich anstrengen, soviel wie gerade nötig treiben. Sie war sehr groß, aber ich hatte trotzdem immer das Bild eines nassen Lappens ohne „Körper“ und Aufrichtung vor Augen, wenn ich ihr beim Reiten zusah. Für Anfänger war die Pferdeauswahl noch nicht sehr groß und so kam es, daß Tamara oft frustriert war, weil die Pferde nicht von selbst liefen, sondern sich gerade mal soviel anstrengten, wie sie es auch tat.

Die Jahre vergingen, Láski war nun schon 8 Jahre alt und für Tamara rückte die Firmung näher. Ihre Eltern signalisierten mir, daß sich ihre Tochter ein Pferd zur Firmung wünschte und ich ging schon mal in Gedanken all meine Verkaufspferde durch und überlegte, welches da in Frage kommen könnte. Ich schlug ihr drei Pferde vor, von denen ich mir vorstellen konnte, daß sie zu ihrem reiterlichen Können passten. Doch da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Tamara hatte ganz konkrete Vorstellungen und diese Vorstellung hieß – Láski!

Ich schnappte nach Luft, aus guten Gründen hatte ich Tamara noch nie auf ihm reiten lassen und hatte es auch in Zukunft nicht vor. Nun lernte ich sie auf einmal von einer anderen Seite kennen. Sie bettelte nicht, aber ihre Haltung war eindeutig und klar: „Der, oder keiner!“

Überrascht von diesem „Energie-Ausbruch“ betrachtete ich sie und dachte nach. Wie oft hatte ich ihre Antriebslosigkeit mit mangelndem Können gleichgesetzt. Und genauso oft hatte ich erlebt, wie sich Láski gegen ehrgeizige Reiter mit Flucht nach vorne gewehrt hatte. Ich seufzte. Meine Erfahrung hatte mich gelehrt, daß Reiter – vor allem Jugendliche – ihr tatsächliches Können gerne maßlos überschätzen.

Schließlich kam ich zu dem Schluß, daß ein Proberitt im Viereck doch relativ ungefährlich war, irgendwie würde ich das Pferd schon vom Boden aus bremsen können, falls das Mädchen mit ihren Hilfen nicht durchkam.

„Es ist ein Risiko“, informierte ich ihre Eltern, „ich weiß nicht, wie Láski auf sie reagieren wird. Ich übernehme keine Garantie für ein gutes Gelingen.“ Der Vater sah mich zwar mit hochgezogenen Augenbrauen an, aber seine Tochter ließ ihm keine Wahl. Sie wollte dieses Pferd, es probereiten und kein anderes. Ich dachte mir, daß nach dem Probritt der Kauf ausgerechnet dieses Pferdes wohl vom Tisch sein würde.

Mit gemischten Gefühlen begleitete ich die beiden in die Reithalle. Ich war auf alles gefasst – dachte ich – aber keinesfalls auf das, was ich dann miterleben durfte. Tamara stieg auf und bereits hier stutzte ich, weil Láski still stand und nicht gleich losrennen wollte, wie es sonst seine Art war. Ich ließ sie im Schritt starten und hatte ein mir völlig unbekanntes Pferd vor mir: statt mit aufgeregtem schnellen Schritt latschte er gemütlich mit gesenktem Kopf durch die Halle, selbst die Aufforderungen zum Trab, Tölt oder gar Galopp erfüllte er ruhig und gelassen, wie wenn er nie etwas anderes gemacht hätte. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf und mit meinem erstaunt geöffneten Mund sah ich sicher ziemlich dämlich drein. Scheinbar mühelos gelang ihr, was ich all die Jahre nicht mit ihm zustande gebracht hatte. Gottseidank war niemand in meiner Nähe und so hatte ich wieder Zeit, mich zu fassen.

Láski und Tamara waren wie gemacht füreinander. Ich erkannte, daß ihre Nicht-Hilfen, ihr mangelnder Ehrgeiz genau richtig waren für ihn. Sie machte ihm keinen Streß und er hatte endlich Zeit, zuzuhören, sich zu entspannen und sein Können zu entfalten.

Dieses Erlebnis öffnete mir die Augen. Verbindung zwischen Pferd und Reiter entsteht auf einer Ebene, die keineswegs vom Können oder Beherrschen der Hilfen abhängig ist. Die zwei hatten jeweils das innerste Wesen, die Essenz des anderen wahrgenommen und sich dort vereint. Man könnte auch sagen, die „Chemie“ zwischen den beiden stimmte, auf jeden Fall konnten sie sich auf eine Art und Weise aufeinander einlassen, die beiden zum Vorteil gereichte.

Ich wollte es genau wissen und nahm die beiden auf einen Ausritt mit. Aber auch hier bot sich mir das gleiche Bild. Völlig entspannt am langen Zügel zottelten die beiden durchs Gelände und ließen sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Der Kaufvertrag wurde zu aller Zufriedenheit unterzeichnet. Heute – 10 Jahre später – sind die beiden noch immer glücklich miteinander unterwegs.

Ab da sah ich meine Pferde in einem anderen Licht, achtete von nun an darauf, ihnen „passende“ Reiter auszusuchen. Es war mir fortan wichtig, daß Menschen und Pferde Freude aneinander hatten und sich der Reitunterricht für alle Beteiligten, einschließlich mir selbst, leicht anfühlte.

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